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Gabriele Eisner-Just
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Es geht los!

- Dienstag, 21. Juli 2020, 9:00 Uhr

Es geht los in unser baltisch-polnisches Abenteuer! Das WoMo ist mit Kleidung, Lebensmitteln und allem Notwendigen beladen, ein klappbarer Gasgrill wurde eigens angeschafft, die Blumen stehen gießbereit in der Küche und Nachbar Theo hat den Schlüssel für unser Haus. 6 Wochen Zeit, den Nordosten der EU zu erkunden!

Wir nehmen die ersten 650 von etwa 5000 Kilometern nach Lübeck-Travemünde in Angriff. Zuerst einmal mit Umleitung nach Mudau (der Odenwald will uns nicht weglassen!), dann Aschaffenburg - Fulda - Kassel - Hannover - Hamburg - Lübeck. Nach zwei Staus und zwei Pausen sind wir gegen 18:00 Uhr am ersten Ziel: Lübeck Holstentor. Der nette Tankwart hat uns erzählt, dass es an der Musik- und Konzerthalle Parkplätze in Hülle und Fülle gibt - auch für Wohnmobile und ab 18:00 Uhr sogar kostenlos. Wir staunen über das windschiefe Holstentor mit den schwarzen und roten Ziegeln. Sie waren einst der Stolz der Bürger, wie die Inschrift "SPQL - senatus populusque lubecensis" zeigt. Das Tor steht seit mehr als 500 Jahren, die Inschrift seit fast 150 Jahren. Allerschönste Backsteinhäuser, mächtige Kirchen und ein wundersames Rathaus mit Hallen und Marktplatz geben richtig Flair. Die "Festmeile" an der Trave ist voll besetzt. Wir entschließen uns, einen Döner auf der Hand zu essen (superlecker und reichhaltig gefüllt!), wobei ich mir meine Reisehose komplett verkleckere und mich umziehen muss. Man wird sehen, dass die Reise auch mit einem Döner-Missgeschick enden wird.

Dann mit Umwegen wegen Straßensperrung nach Travemünde. Am Hafenhaus erklärt man uns um 20 Uhr das Procedere. Ums Haus herumfahren, in Spur L wie Lettland einordnen, einchecken, Fahrkarte erhalten und ans 3. Terminal fahren. Dort ist großer Trubel angesagt: LKW fahren rückwärts die Schiffsrampe hoch, Erntemaschinen werden verladen. Der ganze Kai steht voll. Wollen die alle auf unser Schiff? Passt das überhaupt? Endlich gegen 23:00 Uhr sind wir an Deck, schließen das Auto ab und lassen uns die Keycard für unsere Außenkabine geben. Nach einem Bier für Dieter und einem Cider für mich schauen wir uns das Ablegemanöver an. Zwei Pötte müssen wir noch in den Hafen lassen, die fahren an uns vorbei und parken rückwärts ein. Endlich, gegen 0:20 Uhr fahren wir mit 20 Minuten Verspätung los. Travemünde zieht mit seiner beleuchteten Uferpromenade an uns vorbei. Da müssen wir unbedingt noch einmal hin, das sieht sehr schön aus! Dieter schlägt eine "Tour de Nord" entlang der deutschen Küste vor.

Wir fallen ins Bett. Also besser gesagt, Dieter fällt und ich klettere nach oben, winde mich in den Raum zwischen Bett und Zimmerdecke und versuche zu schlafen. Doch das Schiff wummert und gibt im Sekundentakt Stöße ab, immer wenn die Fähre auf eine Welle stößt. Der Wellengang ist beachtlich. Ach, wie war das schön auf der Artania mit ihrem kreiselberuhigten Schiffskörper! Wummer, wummer, bums, bums, bums. Die Wasserstraßen sind hier schlecht - überall Schlaglöcher! Irgendwann schlafen wir doch ein - ein unruhiger, flacher Schlaf.

 


Rost und Trucker

- Mittwoch, 22. Juli 2020

Das Schiff wurde in Italien gebaut - als Rache der kommunistischen Werftarbeiter am sozialistischen Brudervolk? Überpinselter Rost, morsche Fenstereinfassungen, die dem Wetter wenig entgegenzusetzen haben. Wie war das nochmal mit dem Untergang der "Estonia"? Ach nein, da waren ja die Bugklappen nicht richtig geschlossen. Hoffen wir mal, dass die Fähre diesen Trip noch aushält.

Willkommen in der Welt des Ostens! Gesprochen wird Englisch mit hartem osteuropäischem Akzent, Lettisch und Russisch. Ein Mann, der aussieht wie ein chinesischer Eskimo, fotografiert seinen finnischen Volvo - was führt ihn wohl von Travemünde nach Lettland? Die herrschende Klasse an den Tischen und in der Bar besteht aus russischen oder baltischen Truckern. Das sind die, die gestern rückwärts die schiefe Ebene hoch und um die Kurve aufs Schiff gefahren sind. Respekt! Zur Vorspeise am Mittag gibt es kalte Rote-Bete-Suppe, ein Lieblingsgericht der Russen, Polen und Balten. Wir verzichten dankend! Ansonsten ist das Mittagessen ganz gut: Hähnchenschenkel, Kartoffeln, Reis, Salat. Saft und Kaffee sind ebenfalls frei.

Die Sonne, am Morgen noch verhalten, brennt ab Mittag aufs Schiff. Ein Zipfel von Rügen und Bornholm zieht an uns vorbei. Das Handy piept ständig und begrüßt uns in Dänemark, Schweden, Polen usw. Zuerst sind noch einige Containerschiffe zu sehen, dann nur noch Himmel und glitzernde Wellen. Wir sonnen uns und ruhen den ganzen Tag lang aus. Der Wohnwagen auf dem Autodeck, der vormittags noch ständig empört gepiepst hat, weil es so ruckelte und wackelte, verstummt irgendwann auch. Nur noch das Wummern des Schiffsmotors. Eine nette lettische Frau (mit Mann und 3 Töchtern) erklärt uns, dass wir unbedingt nach Sigulda fahren müssen. Auf der Burg gibt es Konzerte und im Ort leckere Eclairs, die wir unbedingt probieren sollen. Dieter lernt Fremdsprachen und lässt sich vom Handy sagen, was "Schnitzel" auf Lettisch. Litauisch und Estnisch heißt ... Die Trucker spielen Karten - auf Russisch. Dawai, dawai!

 


Liepaja - Nida

Donnerstag, 23.07.2020

Nach einer sehr unruhigen und superkurzen Nacht (Wellengang! Wummer, wummer, bums, bums - das Schiff reitet Wellen!) wachen wir um halb Eins und kurz vor 2 Uhr auf. Wir sind schon fast in Liepaja angekommen. Das Nachtgepäck ist schnell verstaut, im Speiseraum gibt es noch einen schnellen Kaffee. Dann hinaus in die Nacht, aufs Oberdeck und abwarten, bis der Laster auf der Rampe rückwärts (!!!) nach unten gefahren ist. Unsere Kolonne fährt als zweite die schiefe Ebene herunter und aus dem Schiff. Mitten in der Nacht in Lettland, in einem unbekannten Hafengebiet, mit einer völlig fremden Sprache, die man sich überhaupt nicht erschließen kann. Braucht man nun eine Vignette auf der Autobahn oder nicht? (Wir erfahren später, dass nur Trucks vignettenpflichtig sind.) Wie geht das mit dem Stadtverkehr und den Ampeln? Warum sieht man eine rote Ampel vor sich, wenn man in eine Straße einbiegt? Ach so, die ist für den Geradeausverkehr von hinten. Zum Glück kennt das Navi den Weg, denn sonst hätten wir keine Ahnung, wo es nach Klaipeda geht. Irgendwie im Bogen kommen wir auf die Autobahn A11. Supersüß! Die Autobahn ist das größte Stück bis Klaipeda zweispurig - für jede Richtung eine Fahrbahn, man fährt 70 oder höchstens 90 km/h. Links und rechts gehen Abzweigungen zu kleinen Orten ab, sogar Sandpisten. Auch Bushaltestellen gibt es entlang der Autobahn. Aber auch Raststätten, die jetzt, um 4 Uhr, leider geschlossen sind. Wir fahren kilometerlang durch Birken- und Kiefernwälder, Dieter sieht einen Fuchs. Im Großraum Klaipeda wird die Straße dann vierspurig.

Klaipeda selbst ist eine riesige Enttäuschung. Eine Vergnügungsmeile mit Segelboot entlang des Flusses, ein Platz mit Brunnen und Ännchen von Tharau, einige Geschäfte. Die Häuser sehen aus wie in Weimar, etwas verlebte Klassik. Wir fahren weiter zum Hafen, setzen mit der Fähre über auf die Kurische Nehrung und zahlen dafür 25 Euro hin und zurück. Ein paar Kilometer weiter sind dann noch einmal 30 Euro zu berappen - so eine Art Ökosteuer. Raubritter! Piraten! Nepper!

Wir legen uns gleich nach der Fähre an einem Platz direkt am Ostseedeich schlafen. Ich bin knallkaputt. Nach 2 Stunden ist es halbzehn. Wir fahren ohne Frühstück weiter bis Nidos und finden den Campingplatz. Es sind noch einige Plätze frei, zum Glück. Also auf zur großen weißen Düne! Der Weg führt in wenigen 100 Metern vom Campingplatz dorthin. Sooo ein großer Sandkasten! Wir laufen ganz nach oben und dann weiter, an geeigneter Stelle wieder runter und stehen am Haff, das Nida und die Nehrung vom litauischen Festland trennt. Dann immer am Haff entlang, an Gänsefamilien vorbei und nach Nida, wo es endlich lecker Fisch zu essen gibt. Ich bin schon ganz schwach vor Hunger und Müdigkeit!

Der Nachmittag vergeht schnell. Wir gehen zum Thomas-Mann-Museum - sein ehemaliges Sommerhaus - das mich allerdings nicht sehr beeindruckt. Einige Bilder und Texte, sein Schreibzimmer, die Familie Mann auf Fotos. Dies alles untermalt von scheußlich jaulender Musik einer kleinen Band, die wohl für ihren Auftritt übt. Aber die Umgebung hat wirklich ihren Reiz! Ein duftendes Kiefernwäldchen, das rote Haus mit seinem Reetdach, unten das blaue Haff. Es ist so urtümlich und einfach, gleichzeitig entstehen starke Bilder, so etwas wie Baum-Mann-Meer.

Ein Cappuccino im Ort, dazu voll leckeren Apfelkuchen mit Erdbeersauce (beides warm) und Sahne. Köstlich!!!! Und weil wir immer noch nicht genug gelaufen sind, wackeln wir danach noch vom Campingplatz aus zur Ostsee auf der anderen Seite der Nehrung und genießen die steife Brise und die schwappenden Wellen. Ganz schön kalt, das Wasser! Ich glaube, die Ostsee-Landschaft sieht überall ähnlich aus. Mal sehen, ob das stimmt. Auf dem Rückweg zum Platz überqueren wir wieder die Straße. Rechts geht es nach Kaliningrad .. ist nicht weit, aber im Grunde unerreichbar.

 


Keine Elche auf der Nehrung

- Freitag, 24. Juli 2020

 

Wir fahren um kurz nach Neun am Campingplatz los und sind 20 Minuten später in Juodkrante, ein ehemaliges Bad mit pompöser Vergangenheit. Was auffällt, sind die wunderbar gepflegten Grünanlagen mit Bäumen, Büschen und Blumen, Ständig ist einer am Mähen, Schneiden und Rechen.

In den Jahren 1979-1981 gab es Künstlertreffen in Juodkrante, bei denen teilweise übermannsgroße Holzskulpturen entstanden. Es geht um Sagen und Märchen aus der Region. Da tummeln sich böse Zwerge, tapfere Ritter und holde Mädchen, Schlangen winden sich um Sitzbänke und zwei dummdreiste Tollpatsche schleppen einen Stamm, der eigentlich eine Bank ist. Große Stelen zeigen detailreich Blumen und Blätter, und ein Thron wartet auf seinen König.

Danach gehe ich noch in eine Galerie, in der Kurenkahnwimpel zum Verkauf ausgestellt sind. Die Verkäuferin erzählt mir, dass die Fischer ihre Boote mit diesen Holzwimpeln versehen haben. Schwarzweiß ist die Farbe der Region, jeder Ort hatte seine spezielle Anordnung, die rotweiße Fahne bedeutete, dass die Fischereigebühren bezahlt waren. Das konnte man von weitem sehen und so Kontrolle ausüben. Die restlichen Figuren zeigen etwas vom Leben des Fischers: Frau und Kinder, Haus und Schiff, und oft ein Elch. Ich frage, ob es hier früher Elche gab. Es gibt sie heute noch, ist die überraschende Antwort. Die Tiere stehen auf der Straße herum und warten auf Autos, die so dumm sind, sich mit ihnen anzulegen. Ein Gast habe ihr erzählt, dass sie am Strand lag und sogar einen schwimmenden Elch gesehen hat. Ich schaue ganz aufmerksam, kann aber leider keinen entdecken.

Auch sonst sieht es heute mau aus mit Tieren. Wir setzen mit der Fähre aufs Festland über und fahren die schon bekannte Autobahn nach Norden. Kurz nach der lettischen Grenze gibt es ein Naturschutzgebiet mit See, an dem es angeblich vor seltenen Vögeln wimmeln soll. Also weg von der Autobahn (links abbiegen!!!!!) und Richtung Pape. Eine mehr als 10 km lange Strecke über eine Rüttel-Schüttel-Bums-Sandpiste voller Querrillen und Steine. Lettische Fahrer kommen uns in halsbrecherischem Tempo entgegen oder überholen uns. Wir entscheiden uns dafür, unsere Stoßdämpfer leben zu lassen und kriechen mit Tempo 25 über die Piste. Aber in Pape kein See zu sehen, und erst recht keine Vögel. War der Buchautor unseres Reiseführers jemals hier????

Also weiter nach Liepaja, in einen kleinen Supermarkt. An der Bäckertheke gibt es so eine Art Pizzagebäck, das ziemlich scheußlich schmeckt. Aber es ist schon fast 14 Uhr und mein Magen hängt in den Kniekehlen (oder ist er dank Rüttelpiste noch tiefer gerutscht?). Weiter auf die A9 Richtung Riga, dann abbiegen nach Aizpute (alte Holzhäuser) und Kuldiga. Zwischen beiden Orten 40 km abgeerntete Weizenfelder und kleine Wäldchen, der Strom kommt über Holzmasten über Land.

Ach, Kuldiga! Der Reiseführer hatte diesmal Recht: Das Städtchen ist wie aus der Zeit gefallen. Spitzgiebelige Holzhäuser in mattem Gelb, Grün und Braun, Ziegelhäuser, ein Blockhaus mit angebautem Gebäudeteil, das man durch Plexiglas gut einsehen kann. Darin ein Restaurant. Der große Rathausplatz, auf dem gerade eine Hochzeitsgesellschaft fürs Foto auf der Treppe steht. Eine Straße schöner als die andere. Zwischendrin immer wieder Kunst. Später erfahren wir, dass wegen des ausgefallenen Stadtfestes (auch hier gibt es Corona) kleine Kunstprojekte ausstellt und Konzerte veranstaltet. Dieter gefallen die riesigen, künstlerisch gestalteten Sonnenbrillen am besten, die auf den Straßen verteilt sind. Wir gehen in Richtung des größten europäischen Wasserfalls - groß in der Breite, nicht in der Höhe. Von der Brücke aus sieht man ihn in seiner ganzen Breite. Drei Männer stapfen sogar oben im Wasser entlang. Und auch die Braut hat Turnschuhe angezogen und posiert samt ihrem frisch angetrauten Ehemann mit den Füßen im Wasser. Überall Cafés und Restaurants, ein richtiger Touristen-Hotspot. Auf dem Rückweg sehen wir noch die riesige Synagoge von Kuldiga. Wie groß muss die Gemeinde gewesen sein, bevor ihre Mitglieder 1941 von der Nazi-Herrschaft ermordet wurden!

Im WoMo-Reiseführer ist ein Campingplatz ganz in der Nähe von Kuldiga verzeichnet (Nabite Camping), den wir auch gleich finden, dank GPS-Dateneingabe. Ganz toll am See gelegen, wieder eine supertolle Grünanlage, Bäume und Blumen. Am See Boote. Wenn es zehn Grad wärmer wäre und der Dauerregen aufhören würde, wäre es kaum auszuhalten vor lauter Schönheit! Als wir ankommen, werkeln einige Frauen in der Küche des Verwaltungsgebäudes (natürlich ein Holzhaus!). Ich frage gleich mal, ob wir hier essen können. Ja, das können wir! Um 19 Uhr gibt es eine superleckere Frikadelle mit Kartoffeln und Salat. Mjam! Die Duschen und WCs sind auch sehr sauber. Und die Betreiberinnen sind sehr nett, eine spricht sogar toll Deutsch mit uns. Alles prima!!!

 


Regen und Sonne

- Samstag, 25. Juli 2020

 

Es pladdert, es schüttet, der Regen rauscht, als ich nachts im WoMo aufwache. Am Morgen ist die Wiese nass, und der Weg, den wir gestern gekommen sind, steht voller Pfützen. Dennoch ziehen ein älterer Herr und seine Frau in Badebekleidung gen See und tauchen tatsächlich ins kühle Nass ein. Zwar nur kurz, aber immerhin! Wir frühstücken Kaffee und komisches süßliches Brot aus dem Supermarkt in Liepaja. Naja. Nach einem Gespräch mit den Nachbarn aus Bremen über Polen (die Ostsee ist krachend voll) und Kuldiga ziehen wir los in Richtung Ventspils - Windau. Kilometerlang durch Felder, an Wäldchen vorbei. Kaum einmal ein Haus, geschweige denn ein Dorf. Das spektakulärste sind die vielen Störche, denen irgendjemand (Naturschutzbehörde?) Nester gebaut hat. Manche sind noch beim Frühstücken, andere versorgen den Nachwuchs. Schön!

In Ventspils läuft gerade ein Schiff aus, so ein riesiger, stinkender Kahn. Überhaupt ist die Luft rauch- und ölgeschwängert. Das wird erst besser, als wir das Hafengebiet verlassen und in Richtung Burg und Altstadt abbiegen. Auf einen Besuch der Burg-Innenräume haben wir keine Lust. Ansonsten gibt es nur noch den Rathausplatz mit dem Haus der Schriftsteller zu sehen. Davor prangt ein 1mx1m großes Tintenfass mit 3 Schreibfedern drin, wovon ich natürlich unbedingt ein Foto haben muss. Vor dem Tintenfass spielt ein kleines Orchester jazzige Musik. Sehr gekonnt, sehr beschwingt. Es ist wohl ein kleines Konzert - trotz Corona - um die Moral der Bevölkerung und der Touristen aufrecht zu erhalten. Nach einem Besuch des Wochenmarktes (Wurst, Wurst, Wurst und Fisch, Obst, Gemüse, Blumen, erzhässliche Billigklamotten) haben wir eigentlich alles gesehen. Ach ja, und die Kühe! 28 Plastikkühe stehen in Ventspils herum - die Reste aus einem Kunstprojekt. Eine Polizei-Kuh mit Panzerung, eine Taucherflossen-Kuh, eine sitzende Kuh mit rosa Kleid, eine Porno-Kuh mit nackter Frau drauf, eine auseinandergeschnittene Kuh mit zwischenmontiertem Rohrleitungssystem inklusive Absperrhahn.

Wir fahren weiter Richtung Meer. Zuerst zum Radioteleskop Irbene, eine ehemalige Spionageeinrichtung der Sowjets. Wo vor 30 Jahren noch Fernsehprogramme und "feindliche" Nachrichten abgegriffen wurden, fängt man heute mit einer Schüssel von 32 Meter Durchmesser Radiowellen aus dem All auf. Daneben eine "tote", verlassene Siedlung. Die Damen und Herren Spione wurden wohl weiter ostwärts für neue Zwecke eingesetzt. Dann kilometerweit weiter auf einer schnurgeraden Straße. Rechts Kiefernwald. Links Kiefernwald. Dazwischen Straße. Kaum mal ein Auto. 40 km lang. Der Leuchtturm von Mikelbaka ist eine willkommene Abwechslung. Dann wieder Straße ... ziemlich enttäuschend, da wir uns schöne Blicke aufs Meer erhofft hatten.

Schließlich sind wir am Kap Kolka angelangt, wo zwei Meeresströme aufeinanderstoßen. Hier bläst der Wind heftig, sodass sich Kitesurfer zusammengefunden haben. Einer versucht einen anderen aufzurichten, der rettungslos abgesoffen ist. Nach mehreren Versuchen nimmt er den total verhedderten Schirm mit an Land, während der andere Surfer mühsam aus dem Meer krabbeln muss. Am Kap Kolka nimmt die Meeresströmung immer mehr Sand weg, sodass die Bäume absterben und als Baumfriedhof über den Strand verteilt liegen. Drei Krähen streiten sich um einen toten Fisch. Die größte bekommt das meiste. Es riecht nach Tang und Fisch und Meer.

Nach einem Kaffee am Infocenter steigen wir wieder ins Auto. Im Wald habe ich gerade noch eine Heidelbeerplantage entdeckt, aber was sollen wir mit so vielen Beeren machen? Also weiter nach Melnsils zum Campingplatz. Sieht zuerst einmal einladend aus mit tollem, sauberem kleinem Strand, Wiese und Feuerstellen. Aber nur 4 WCs, eine "Sommerdusche", die faulig stinkt. Den Schlüssel für die richtige Dusche gibt es für 3 Euro. Und das Bier im Bistro kostet 5,80 Euro. Dieter bekommt Schnappatmung.

Es ist Samstag. Mal sehen, wie die Nacht läuft ... die Leute sind jedenfalls alle am Grillen und Musikhören.

 


Sommer in Riga

- Sonntag, 16.07.2020

 

Der Campingplatz in Melnsils ist uns zu schmutzig. Beim Toilettengang besucht mich eine Maus (nur 4 WCs, keine Ruhe!), der Geschirrplatz ist versifft und die Sommerdusche stinkt zum Himmel. Also weiter in Richtung Riga. Wieder einmal geht es kilometerweit durch Kiefernwälder. Immer mehr Autos kommen uns entgegen - Rigaer auf dem Sonntagsausflug ans Meer. Überall gibt es Badeplätze und Stände mit geräuchertem Fisch. Ein See mit Restaurants, Cafés und Bootsverleih. Irgendwann kommt Jurmala, wo die Reichen und Schönen vor 100 Jahren Badeurlaub machten. Alte, prächtige Holzhäuser entlang der Prachtstraße sind die Reste dieser Epoche.

In Riga finden wir sofort den Campingplatz auf einer Daugava-Insel. Wir traben gut 2 km in die Altstadt, über die große Daugava-Brücke. 2 militärische Schiffe stehen da, außerdem ein großes Personenschiff. In der Altstadt kommen wir praktisch automatisch an Burg und Dom vorbei. In einem Restaurant esse ich zum ersten Mal Cepelini, ein baltisches Nationalgericht. Das sind Kartoffelklöße mit Fleischfüllung und einer Specksoße. Wirklich sehr lecker!

Wir nehmen den Hop on -Hop off-Bus zur Neustadt. Es geht am Rathausplatz los und auf die andere Seite der Daugava zur preisgekrönten Nationalbibliothek eines hier sehr bekannten lettischen Architekten. Dann über die großen Hotels wieder zurück zum Pulverturm, zum Opernhaus, an der Freiheitsstatue vorbei und zur Geburt-Christi-Kathedrale, eine prächtige russisch-orthodoxe Kirche mit goldener Kuppel. Der Busfahrer macht für uns einen Umweg und fährt direkt an den schönsten Jugendstilhäusern vorbei. Dann am KGB-Museum vorbei, zum Bahnhof und an die Akademie der Wissenschaften, damals das höchste Hochhaus der Stadt. Dann sehen wir das ehemalige Rigaer Getto, heute ein Holocaust-Museum, und den Zentralmarkt in den ehemaligen Zeppelinhallen. Da wollen wir morgen hin.

Wir laufen nochmal zur Alberta iela mit den Jugendstilhäusern und dann den ganzen weiten Weg zurück, mit Stopp am Supermarkt. Am Campingplatz weihen wir dann mit Putensteak und Würstchen den neuen Gasgrill ein. Lecker!


 

Fußschmerzen bis ins Genick

- Montag, 27.07.2020

 

Unser 2. Tag in Riga nach einer etwas unruhigen Nacht. Anscheinend gibt es in Riga eine Autoposer-Szene. Schon am Vorabend brummte und röhrte es um den Campingplatz herum. Auch in der Nacht jubelte ein wohl eher junger Bolideninsasse den Motor auf ungeahnte Drehzahlen und jagte mehrmals die breiten Boulevards entlang. Als ich die Sirene der Polizei höre, stelle ich mir vor, dass jetzt eine Verfolgungsjagd stattfindet.

Wir stehen gemütlich auf, frühstücken und machen uns fertig. Es ist nicht so sonnig wie gestern, aber warm. Wir tippeln durch den Stadtteil Kipsala auf der Daugava-Insel mit ihren schönen alten Holzhäusern, und machen uns auf den langen Weg über die Brücke. Wobei Dieter die Befürchtung hat, dass die Brücke nicht mehr lange hält - überall Rost und am Rand, wo die Fußgänger laufen, sogar stellenweise Absperrungen wegen Rostlöchern.

In Vecriga, der Altstadt, besichtigen wir den Dom - außen prächtig, innen sehr bescheiden. Leider sind wir etwas zu früh, denn um 12 Uhr beginnt ein kurzes Orgelkonzert, das ich gerne hören würde. Danach fahren wir mit dem Bimmelbähnchen durch die Altstadt und hören die Beschreibung der Gebäude via Ohrstöpsel. Das Deutsch der Sprecherin ist an etlichen Stellen recht merkwürdig ("Hier befindete sich vor 300 Jahren ..."), außerdem hat sie etwas gegen die Benutzung von Artikeln. Der Text ist zum Gähnen - ich überlege, wie eine interessante Rundfahrt textlich aufgebaut sein müsste. Vor allem mit Geschichten, die Vergangenes lebendig werden lassen, und auch mit ein wenig Gegenwart! Ich könnte das viel besser!

Vor dem Gebäudeensemble "Drei Brüder" steht eine Zwei-Mann-Kapelle und intoniert gerade die deutsche Nationalhymne, danach "Ich hab mein Herz in Heidelberg verloren". Wahrscheinlich für eine deutsche Gruppe, die gerade an einer Führung teilnimmt, aber es klingt so, als wäre es für Dieter und mich.

Weil die Peterskirche mit ihrem Aufzug in die 72 Meter hohe Turmgalerie geschlossen ist, gehen wir halt zum Essen in ein Straßenlokal. Ich bestelle zum zweiten Mal ein Kartoffelgericht. Gestern waren es Cepelini, heute Kartoffelpuffer mit Specksoße und drei kleine Schweinefilets im Speckmantel. Kartoffeln können die, die Letten! Danach latschen wir zum Zentralmarkt und schauen in die Markthallen - ehemals Fabrikationshallen für Zeppeline. Hier gibt es riesige Fleischbatzen und tolle, große Fische, Gewürze und Süßgebäck. Draußen prangen gelbe Zucchini neben grünen Gurken und roten Tomaten. Es riecht intensiv nach Erdbeeren. Auch ein riesiger Blumenmarkt hat sich auf den Verkaufstischen draußen ausgebreitet. Später trinken wir in der Halle noch einen sehr leckeren Kaffee.

Direkt neben den Hallen, gerade nur über die Straße, wurde das Holocaust Museum eingerichtet. An dieser Stelle war 1940 das Rigaer Getto. Unverputzte Wände, darauf die Bilder vieler deportierter und später ermordeter Juden. Ein Eisenbahnwaggon "One Way Ticket to Riga". Ein dunkler Raum mit vielen quadratischen Lampen, auf jeder eine der Personen, die hier lebten und diesen sinnlosen, grausamen Tod sterben mussten. Ein alter Herr stützt sich auf seinen Gehwagen und schaut sich die Ausstellung genau an. Er trägt eine Kippa.

Noch einmal zurück in die Altstadt, einige Gebäude genauer anschauen. Wir finden kein Taxi und müssen die 3-4 km zurücklaufen. Aua, die Füße tun weh! Jetzt nur noch etwas essen und den Tag ausklingen lassen. Wir haben ja den kleinen Gasgrill dabei und bereiten Steak und Würstchen zu. Dazu gibt es gegrillte Zucchini und Karottensalat.

 


 

Zu Fuß und ohne Seilbahn

- Sigulda am 28.07.2020

Wir fahren aus aus Riga heraus - es dauert lang, bis wir die Stadtgrenze endgültig verlassen haben. Überall große Shopping Center, dazwischen eher ärmliche Viertel. Auf der Autobahn A2 finden wir dann eine echt günstige Tankstelle - Diesel für 98 Cent! Dieters Schwabenherz schlägt schneller.

Sigulda ist eigentlich ein winziger Ort, hat aber eine gewaltige Tourismus-Infrastruktur mit Tourist Info, Sommerrodelbahn und Skigebiet (???), Erlebnispark, Seilbahn mit völlig wahnsinnigen Bunjee Jumpern, die da herunterhopsen, und riesigen Spielplätzen. Wir schauen uns zuerst einmal die Seilbahn an, aber Dieter hat keine Lust darauf. Also fahren wir zum historischen Sigulda mit den Resten der livischen Schwertbrüder-Ordensburg. Es war eine sehr große Burganlage aus dicken Feldsteinen. Ein runder, mächtiger Turm ist wiederaufgebaut worden, er hat eine überdachte Plattform, auf die man steigen und sich die Umgebung anschauen kann. Auf der anderen Seite der Gauja liegt Krimulda mit einem imposanten Herrenhaus, vor uns sehen wir die Burg Turaida.

Die Burg von Sigulda spielte auch eine wichtige Rolle bei der Wiedergründung Lettlands. Deshalb ist da eine dauernde Bühne aufgebaut, auf der Festakte und Aufführungen oder auch Sängerwettstreite stattfinden. Die Sonne scheint schön warm, und das ganze Gelände ist reizend gestaltet, mit kleinen Eisentischen und Stühlen zum Sitzen und Ausruhen. Ein richtiger Park, begrenzt von den Burgmauern und gestaltet mit großen, alten Bäumen. In Richtung Eingang gibt es einige Läden. Mir gefällt einer mit Leinendecken in der Auslage, und ich kaufe eine für den Esstisch zu Hause. Die Ladenbesitzerin ist sehr nett, und wir unterhalten uns über Weben, Stricken und Häkeln als Frauenhandwerk. Später schickt sie mir ihren Festrock als WhatsApp-Foto. Sie kommt aus dem lettischen Westen, da webt man Blumen ein. Es ist wirklich nett, mit einer Einheimischen zu sprechen! Als ich dann noch einen Eiskaffee im Café nebenan bestelle, gibt es als Überraschung einen heißen Kaffee mit einer Kugel Eis drin. Schmeckt auch gut!

Nach einer schnellen Mittagsmahlzeit im Auto (Leberwurstbrot) fahren wir weiter zur Gutmannshöhle. Das ist aber nur ein Loch in der Wand mit vielen Wegweisern davor. Kann ja wohl nicht wahr sein! Also weiter zur Burg Turaida, angefangen 1214. Die markante Burg mit den typischen Rundtürmen aus rotem Ziegelstein kann besichtigt werden. Wir steigen in den Turm, sehen den Keller mit dem Gefängnis, wo ein Tonband fürchterlichen Husten von sich gibt. KeinWunder, in dem kalten, feuchten Loch! Ich kaufe mir eine schöne Kette mit dem Sonnenrad als Anhänger. Danach sehen wir noch einige Werkstätten wie eine Schmiede, ein Fischhaus, einen Wagenschuppen. Besonders interessant finde ich die Sauna, in der viele verschiedene getrocknete Zweige, Kräuter und Blumen köstlich duften. Die Ausstellung mit den Skulpturen von den Dainas (lettische Volkslieder) schauen wir uns leider nicht an. Zu müde Füße!

Wir übernachten im Camping Apalkalns an einem schönen See. Die Besitzerin spricht sogar ein wenig Deutsch. Der Platz ist sehr gepflegt, hat auch einen Spielplatz. Es ist sehr stickig-schwül, also gehen wir direkt schwimmen. Heute müssen wir die Fliegengitter schließen, denn es wimmelt vor Stechmücken und Bremsen. Also wird es nichts mit dem Draußensitzen. Am nächsten Morgen traue ich meinen Augen kaum: Ein Storch stelzt direkt am WoMo vorbei und sucht in der Wiese nach Essbarem. Es gibt hier Heerscharen von Störchen, überall stehen sie auf den abgeernteten Feldern und suchen sich lecker Kleinvieh. Man sieht auch überall die Storchennester, mit und ohne Nachwuchs.

Noch eine Anmerkung zum Reisen: Wir sind hier im Herzen des wunderschönen Gauja-Nationalpark mit dem Flüsschen Gauja, das zum Paddeln, Kanufahren und SUP einlädt. Die Landschaft ist atemberaubend grün und saftig, überall schönste Wanderwege. Wir tun nichts von alldem. Zu wenig Zeit? Zu wenig Mut? Zu wenig Energie? Zu schlechte Vorbereitung? Ich weiß es nicht. Ich denke darüber nach, ob ich nicht anders reisen sollte - weniger sehen, mehr erleben. Auf der Gauja Kanu fahren, wandern, was noch? Also mehr das tun, was zur Landschaft passt. Ich verstehe jetzt, dass es hier nicht um Besichtigungen geht, sondern darum, sich auf die Landschaft und das Land einzulassen. Und das ist im Baltikum nicht städtisch, sondern ländlich geprägt. Außerdem würde ich gerne mehr ausruhen und weniger fahren.

 


Die Rache der Russen

- Mittwoch, 29.07.2020

Wir fahren weiter nach Cesis, das ist die ehemalige Hansestadt Wenden. Die St. Johanniskirche steht in schlichter Schönheit da, innen aber ist sie zu schlicht und schmucklos. Eine Orgel erklingt mit schauerlichen Tönen, worauf Dieter die Kirche fluchtartig verlässt. Danach gehen wir in die alte Kreuzritterburg. Dort bekommen wir eine Laterne mit Kerze in die Hand gedrückt, um die Türme ohne Stolpern besichtigen zu können. Wir können zwei Türme sehen, in denen auch etwas über die Geschichte der Burg geschrieben steht.

Im angrenzenden Neuen Schloss ziehen wir Plastik-Überschuhe an und schauen uns die historisch eingerichteten Räume an. Dieter gefällt der Wintergarten mit den grünen Korbsesseln am besten, ich entscheide mich für die Bibliothek, in der die Bücherregale gotische Glasfenster haben. Auch das Speisezimmer ist nett, mit grün-weißer Tapete, deren Längsstreifen spitz zum Mittelpunkt der Decke zulaufen.

Cesis selbst ist ein furchtbares Kaff Marke DDR. Das war die Rache der Russen. Wir fahren weiter nach Tuja ans Meer, wo der Wind uns fast fortbläst. Das Wetter ist schlecht, macht aber zwischendurch auch mal auf. Kaffee gibt es am Strandrestaurant, allerdings draußen unter dem Zeltdach bei pfeifenden Sturmwinden. Danach noch ein schöner Strandspaziergang. Und dann ist für den Rest des Tages die Wäsche dran. Ich laufe 6-8-mal zwischen WoMo und Eingangsgebäude hin und her, doch die paar Hosen und T-Shirts weigern sich zu trocknen. Ich hänge sie auf einer provisorischen Wäscheleine aus unserem Stromkabel auf, das Dieter auf die Schnelle gebastelt hat. Aber es fängt an zu regnen ... also nochmal ab zum Trockner. Seufz!

In der Nacht stürmt es beängstigend.

 


Ins Hinterland

- Donnerstag, 30. Juli 2020

Der Sturm tobt weiter, also beschließen wir eine Planänderung. Statt weiter nach Norden zu fahren, dann nach Osten und schließlich nach Süden - also ein O fahren, wenden wir uns nach Nordosten, fahren nach Tartu, dann in den Norden, an der Küste nach Westen und runter bis Haapsalu, dann nach Südosten, also ein X. So zumindest der Plan.

Also Tartu. Wir kommen bei schönster Sonne an, und ich finde in der Tourist Info eine nette Angestellte, die mit mir hinausgeht und den Parkautomaten bedient. Sie hat selbst Probleme, die Sprache auf Englisch umzustellen. Also, wir wären da nie weitergekommen! Ein schnelles Mittagessen in einem netten Lokal, dann gehen wir zur Johanneskirche, die als Besonderheit viele Terrakottaköpfe und -figuren aufweist. Sie sind an der Fassade und innen in Gestellen aufgestellt und mindestens 500 Jahre alt. Wie man wohl darauf kam, die Heiligen zu töpfern?

Danach sehen wir uns die Außenanlagen des Botanischen Gartens der Universität an. Ein Riesenkomplex mit Pflanzen, die nach den Kontinenten geordnet sind. Es gibt auch Teiche mit Seerosen. Gegenüber eine Brücke mit einem schwindelerregend hohen Bogen, auf dem angeblich junge Männer als Mutprobe balancieren. Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen.

Es regnet schon wieder. Wir gehen zum Berg mit der Domruine, die man sogar besichtigen kann, Wir steigen 80 Stufen hoch zum Turm, auf dem man eine phantastische Rundumsicht hat. 1.000 km nach Berlin, 10.000 km bis Kapstadt, steht auf den Pfeilen oben auf der Plattform. Was mich aber weghaut, ist der Blick von oben auf die Kirche, die schwindelerregend weit unten direkt vor mir liegt. Sie ist etwa 100 Meter lang und bestimmt 30 Meter hoch - ein riesiges Gebäude, ehemals die größte Kirche Estlands. Nach der Reformation hat das Volk sie gestürmt und zerstört, wahrscheinlich, weil sie die Priester-Herren satt hatten. Als die Polen dann Estland einnahmen, war die Kirche in zu schlechtem Zustand, um wiederaufgebaut werden zu können.

Unser Campingplatz für heute Nacht ist im Yachthaften von Tartu, ein Schotterplatz mit Yachtclub nebenan.

 


Kirchen und Festungen

- Freitag, 31.7.2020

Vom Yachhafen aus fahren wir zum Alatskivi Castle, eine Nachbildung des Balmoral Castle. Die Managerin ist sehr freundlich, und wir halten ein Schwätzchen. Sie ist seit 2 Jahren hier, kümmert sich um das Schloss, die Übernachtungsgäste und diverse Musik- und Theateraufführungen. Sämtliche Räume sind mit Tischen und Stühlen eingerichtet, man hat den Eindruck, der Baron und seine Entourage sind von morgens bis abends von einem Zimmer zum anderen gezogen und haben sich hingesetzt. Manche Räume sind auch konzertmäßig bestuhlt. Auf jeden Fall ist das Schloss ein wundersames Gebäude in der estnischen Einöde, wo sich Elch und Wolf gute Nacht sagen - nicht, dass wir auf der ganzen Reise auch nur einen Elch gesehen hätten.

Wir fahren weiter und kommen an den Peipussee. In Kükita sehen wir die erste Kirche der Altgläubigen, eine russisch-orthodoxe Glaubensrichtung, deren Anhänger verfolgt wurden und sich auf die Westseite des Peipussees gerettet haben. Die Dörfer der "Zwiebelrussen" (sie pflanzten Zwiebeln und Gemüse an und tun das noch heute) bestehen aus langen Häuserzeilen - einige schöne Holzhäuser sind dabei, andere verfallen. In Mustvee sehen wir die zweite russisch-orthodoxe Kirche, diesmal eine unierte. Und nach der Mittagspause an einem Picknickplatz bei Iisaku (Räucherfisch von einer Straßenbude, lecker! Die Picknickplatz-Katze kennt das schon und maunzt erbärmlich, um auch etwas abzukriegen) fahren wir weiter und sehen das Nonnenkloster in Kuremäe, das erste russisch-orthodoxe Kloster in Estland. Die goldenen Zwiebelturmdächer sind von weither zu sehen. Das Innere ist prachtvoll, Szenen aus dem Leben Mariens, viel Gold und noch mehr Ikonen. Was auffällt: Der ganze Garten dieser "Klosterburg" ist fein säuberlich gepflegt und voller Blumenrabatten. Es wird auch an einem neuen Gebäude gebaut.

Dann geht es weiter nach Narva. Wir sehen die Herrmannsfeste, das Bollwerk gegen die Russen. Direkt daneben, auf der anderen Seite des Flusses und eigentlich der 2. Teil der Doppelfestung, die Festung von Iwanograd. In "unserer" Festung ist gerade eine Ausstellung mit Soldaten aus vielen Jahrhunderten, die hier gekämpft haben - Dänen, Liven, Schweden, Russen, Deutsche, Esten. Alle mit verbundenen Augen als Zeichen dafür, dass Soldaten blind agieren müssen - wie ein Maschinengewehr, das auch keinen eigenen Willen hat. Wir steigen auf den "Langen Herrmann" und sehen beide Seiten - die EU-Seite und die russische. Viele russischsprachige Gäste besuchen die Festung. Was die sich wohl denken?

Leider können wir nicht in den Nordgarten, wo verschiedene alte Handwerke ausgeübt werden - Filmaufnahmen. Aber den Grenzübergang schauen wir uns noch an. Auf der russischen Seite hat man von oben 30 LKW gesehen, die alle nach Estland wollen. Mitten im Ort ein Grenzhäuschen, das geschlossen aussieht. Eine PKW-Fahrerin wird wieder zurück nach Estland geschickt. Es ist schon ein besonderes Gefühl, an der Grenze der EU zu stehen.

Wir fahren 15 km weiter Richtung Tallinn. Am Laagna Hotell finden wir einen schönen Wiesenplatz mit Wasser und Strom. Das Hotell ist irgendwie merkwürdig, hat seine besten Tage wohl schon gesehen. Wir dürfen im kleinen Hallenbad schwimmen und den Whirlpool benutzen. Dieter geht auch kurz in die Sauna. Abends gibt es Spaghetti mit Tomatensoße aus der eigenen Küche.

 


Endlich Sommer!

Samstag, 1. August 2020

 

Gerade will ich protestieren, weil die Dusche und Toilette im Hotel-Schwimmbad nur von 9 Uhr bis 21 Uhr geöffnet sind. Doch entgegen der Aussage des Chefs ist die Tür offen. Also duschen und frühstücken, zusammenpacken und weiter. Die tägliche Routine. Bei herrlichem Sonnenschein fahren wir nach Saka, wo ein Hotel-Resort einen Klippen-Rundweg anbietet, denn wir sind an der Steilküste, im Bereich des baltischen Glint. (Das gewaltigste Naturmonument in Estland ist der Baltische Glint - das an der Wasserlinie ragende, hohe Kalksteinplateau der Nordküste. Das steil abfallende Ufer ist 1.200 km lang, beginnt in Schweden bei Aland und endet in Russland am Ladogasee. ) Zuerst auf einen Aussichtsturm, wo wir überraschenderweise die Leute von der Fähre nach Liepaja wieder treffen, mit denen wir kurz vor dem Anlegen gesprochen haben. Nach einem kurzen Schwatz gehen wir weiter durch einen bezaubernden Küsten-Laubwald. Auf einer Infotafel steht, dass man diese Art von Wald "nördlichen Regenwald" nennt. Dementsprechend üppig ist die Vegetation, unten Giersch und Farne, oben Ahorn und viele Eschen, Eichen und eben alles, was große Blätter hat. Wir kraxeln eine steile Metalltreppe mit 99 Stufen runter an den Strand, passieren einen kleinen Wasserfall und klettern über umgestürzte Bäume am Mini-Sandstrand entlang. Und dann alles wieder retour! Keuchend und schnaufend erreichen wir das höhere Niveau und sind bald wieder am Hotel.

Dann geht es weiter nach Kunda, wo wir etwas zu essen einkaufen wollen. Doch Kunda ist ein Industrieort mit vielen eintönigen Häuserblocks, deren Bewohner sicherlich alle im Zementwerk arbeiten. Also weiter Richtung Lahemaa Nationalpark. Wir fahren am Meer entlang bis Vainupea, dann wieder Richtung Landesinneres, weil es keine Küstenstraße gibt. Wir kommen die bisher schönste Straße unseres Urlaubs: Sanfte Kurven, ein bezaubernd schöner Wald und auf einmal ein Ausblick aufs Meer, wo stillvergnügt 40-50 Schwäne auf dem Wasser schaukeln. Wir sind so verblüfft, dass wir vergessen anzuhalten. Dieter sieht am Waldrand meterhohe Ameisenhaufen - wenn schon keine Elche, dann wenigstens Ameisen. Und vorher Dutzende Störche, die auf einem Feld neben den Mähdreschern hocken und warten, dass die Mäuschen gelaufen kommen.

Eigentlich wollen wir nach Käsmu, landen aber in Vosu, wo wir schön zu Mittag essen (Dieter eine Fischsuppe, ich einen Lachs mit Kartoffeln und gestifteltem Gemüse). Lecker! Nach 2 Cappuccino bin ich wieder einsatzbereit. Wir fahren zum Hafen von Vergi, denn dort gibt es ein Hafenrestaurant mit Stellplatz für WoMos. Es riecht schauderhaft, der Platz ist so einladend wie ein Bahnhofsklo. Also zurück nach Vosu und relaxen am Meer. Wir trauen uns auch mal kurz ins Wasser, aber es ist wirklich kalt. Nach 2 gemütlichen Stündchen fahren wir zum Campingplatz Vosu, den wir schon am Mittag ausgekundschaftet haben. Hier möchten uns die Schnaken zum Abendessen auffressen, aber wir ziehen das Fliegengitter zu und sprühen Autan. Und dann essen wir unseren 2. Fisch von gestern. Ätsch!


 

Von Vosu nach Tallinn

- Sonntag, 2. August 2020

 

Die Mücken haben kein Erbarmen mit uns, und so brechen wir bald unsere Zelte ab und fahren weiter nach Tallinn. In Tallinn findet Dieter einen Parkplatz direkt in der Altstadt, juhu! Wir schauen uns das Rathaus mit Platz an, den Domberg und die Straßen mit den vielen historischen Häusern. Auch einen Gang auf der Stadtmauer mit vorherigem steilen Auf- und später steilem Abstieg ist ein Highlight. Das Rathaus mit Bürgersaal ist heute leider geschlossen. Irgendwie will der Funke nicht überspringen. Dieter hat Hüftschmerzen vom vielen Gehen und ich habe noch nicht einmal Lust auf Törtchen im ältesten Café Tallinns. Also fahren wir bald weiter in Richtung Haapsallu und finden dort einen netten Campingplatz am Rand der Stadt. Wir grillen noch Hähnchenfleisch und Würstchen und gehen bald ins Bett.

Der Tag war eigentlich eine Enttäuschung. Dieter und ich zanken über alles Mögliche: den Weg, das Tanken, die Tagesplanung, die Richtungen ... ich glaube, wir sind besichtigungsmüde.

 


Durch Estland immer geradeaus

- Montag, 3. August 2020

In der Nach kracht und donnert es, Dieter steht schnell auf, findet seine Schuhe nicht und räumt eilig das Handtuch weg, das noch zum Trocknen außen am Fahrradgepäckträger hängt. Es pladdert und platscht, es gießt und schüttet. Morgens sind die Stechmücken noch um einiges aggressiver als am Vortag: Dieter hat allein beim Spülen der Frühstücksteller drei Stiche weg, beim Entleeren der Campingtoilette noch einmal zwei. Und auch ich bleibe nicht verschont von den pladderig großen, fürchterlich juckenden Stichen. Wirklich eine Plage!!!!!

Also fahren wir ins Städtchen und schauen uns zuerst den Bahnhof Haapsalu mit seinem mehr als 200 Meter langen Bahnsteig aus Holz und den liebevoll gestalteten Holzgebäuden an. Der Bahnsteig war lang genug für den Zug des Zaren - nicht auszudenken, wenn der hohe Herrscher beim Aussteigen sein Haupt nicht unter einen überdachten Bahnsteig hätte recken können! Auf den noch vorhandenen Gleisen stehen alte russische Lokomotiven und Züge. Ein schöner nostalgischer Anblick!

Danach fahren wir ins Zentrum von Haapsalu, wo die Ruinen der Bischofsburg zu sehen sind. Hier wird gerade eine Bühne für die alljährliche Aufführung der "weißen Frau von Haapsalu" aufgestellt. Der LKW mit der Technik kommt kaum durch das Burgtor und schrammt einmal am Torbogen entlang. Die Geschichte der weißen Frau geht so: Im Mittelalter schmuggelte ein Mönch eine Frau mit in die Burg. Dafür wurde natürlich die Frau bestraft - sie wurde lebendig eingemauert und spukt seitdem als Geist umher.

Von der Geisterfrau verabschieden wir uns schnell und schauen uns freundliche Dinge an: Das Ilon Wikland Museum zeigt einige Illustrationen der begnadeten Künstlerin, die hier in Haapsalu zumindest in den Sommern ihrer Kindheit lebte, möglicherweise auch ganz vom 8. bis zum 14. Lebensjahr. Die Bilder aus den Astrid-Lindgren-Büchern Mio mein Mio, Karlsson vom Dach, Bullerbü und anderen sind ja bestens bekannt. Interessant ist, wie so ein Buch entsteht - zuerst Skizzen, dann Entwürfe, dann ausgearbeitete Figuren und die Perspektivenwahl, dann die Buchseiten ohne Text, nur mit den Bildern und weißen Flächen. Die gehen dann an den Verlag. Noch interessanter ist, dass Wikland das Haapsalu/Estland ihrer Kindheit als Kulisse für Bullerbü, Saltkrokan usw. nahm. Wahrscheinlich konnte sie die Lindgren-Geschichten illustrieren, weil sie die "dörfliche Idylle" so gut kannte. Außerdem war sie ein Kind, das von ihren Eltern getrennt bei der Oma lebte, weil die Eltern sich scheiden ließen und die Mutter in Italien Monumentalmalerei studierte (!!!). Nicht die Mutter wurde bekannt, sondern die sicherlich oft einsame Tochter-. Immer wieder zeichnet sie sich mit ihrem kleinen Hund, sicherlich ein guter Tröster. Mir fällt auf, dass die Bewegung und Abwechslung auch in den Lindgren-Büchern oft von den Tieren herkommt.

Nach diesem Augenschmaus schauen wir uns noch die einsame Kur-Szenerie von Haapsalu an, steigen ins WoMo und fahren nach Virtsu. Die Straßen sind wie alle Straßen, die wir bisher in Estland gesehen haben: Immer geradeaus, dann eine leichte Kurve, und dann kilometerweit wieder geradeaus. Um 13 nach 2 sind wir am Hafen, 15 nach 2 legt die Fähre ab. Hier ist Zeit für einen Kaffee und leckere Zimtschnecken, und schon legen wir auf Muhu an. Wir fahren über Muhu und den Damm nach Saaremaa. Hier kommen wir nach kurzer Zeit auf dem Campingplatz Koiguste sadam, am Hafen von Koiguste. Hier ragt eine kleine Landzunge ins Meer, und der Platz ist windig und dafür ziemlich mückenfrei. Wir verbringen einen gesegnet ruhigen Nachmittag in der Sonne und gehen abends im völlig neuen, luxuriösen "John`s Place" gepflegt essen. Es schmeckt wunderbar!

Auch um 20 Uhr sitzen wir noch draußen - so ziemlich das erste Mal im Urlaub. Herrlich!

 


Krater, Windmühle, Steilküste, Bischofsburg

- Dienstag, 4. August 2020

 

Wir verlassen Koiguste Sadam und fahren in die Mitte der Insel zum Meteoritenkraterfeld von Kaali. Dort hat vor 4.000 – 7.000 Jahren – so genau weiß man das nicht - ein Meteorit die Erde getroffen und einen Hauptkrater plus einige Nebenkrater in die Erde geschlagen. Der Meteoriteneinschlag auf das bereits besiedelte Saaremaa verursachte eine so große Zerstörung, dass sie mit der Explosion einer kleinen Atombombe verglichen wurde. In etwa 5-10 km Höhe zerschellte der Meteorit und regnete in zahlreichen Stücken auf die Erde herab, das größte dieser Stücke verursachte einen Krater von 110 m Durchmesser und 22 m Tiefe sowie 8 weiter kleinere Krater. Rings um den kreisrunden Kratersee steht ein mehrere Meter hoher Wall aus dem Gesteinsmaterial, das der Meteorit verdrängt hat. Interessant ist auch die Geschichte, wie man zur wissenschaftlichen Erkenntnis kam: In den alten Zeiten war der Ort bei den Einheimischen immer sagenumwoben. Später glaubten die Geologen, der Krater sei die Caldera eines erloschenen Vulkans. Erst das Sammeln von Gesteinsmaterial aus den Nebenkratern und die Analyse der Gesteinsproben ergab, dass sie aufgrund ihrer Zusammensetzung extraterrestrisch sein müssen. Die Sensation war perfekt: Ein Meteorit muss eingeschlagen haben. Wie immer ist auch hier die Landschaft schön gestaltet, die Wege mit federnden Holzspänen belegt, der Schulhof in der Nähe mit Blumenbeeten wunderschön bepflanzt (man stelle sich das in Deutschland vor - die Blumen würden keine 2 Tage unversehrt bleiben!).

Weiter geht´s zu den Windmühlen von Angla. Auf dem Mühlenberg standen einmal 9 Mühlen, heute sind es noch 5 funktionsfähige Bockwindmühlen. Rundherum ein Zaun aus Längshölzern und zwei schräg gelegten Streben - das gibt es hier oft. Innerhalb des Zaunes alte, z.T. russische Traktoren und die Kasse, die besagten Windmühlen, Ziegen- und Schafgehege und ein Haus mit Restaurant plus einer reichhaltigen Sammlung von Handwerksmaschinen wie Bandsäge, Schmiedewerkstatt usw. usw. Dieter ist in seinem Element.

Ganz in der Nähe des Mühlenbergs (die Mühlen von Saaremaa standen immer in Gruppen auf erhöhtem Gelände, sehr gut durchdacht) suchen und finden wir eine Kirche, die einzige katholische Kirche Saaremaas, die der Heiligen Katharina geweiht ist. Sie wurde Mitte des 13.Jh noch im romanischen Stil gebaut und hat herrliche steinerne Säulenkapitelle und Wandornamente. Auch der Teufel ist dabei, und ein Säulenkapitell, das weder dorisch noch ionisch noch korinthisch ist, sondern aussieht wie irgendein Meerestier auf einer Säule. Ob der Skulpteur nicht wusste, wie ein Kapitell auszusehen hat? Vielleicht hatte er nie eins in der Realität gesehen!

Weiter nach Leisi und über den Nordzipfel der Insel. Leider ist nicht allzuviel zu sehen, da immer mindestens eine Reihe Bäume die Sicht zum Meer behindert. Bei Panga kommen wir an die Steilküste Saaremaas. Schroff fällt der Fels in die Tiefe. Dieter kann es sich natürlich nicht verkneifen, sich an einem Baum festzuhalten und sich auf gefährlich abschüssiges Terrain zu begeben. Nach einem Spaziergang essen wir noch ein Würstchen mit Pommes an der Touri-Restauration (Frikadel heißt Würstchen, ach so!). Dann fahren wir nach Kuressaare, das ehemalige Arensburg. Hier gibt es noch einen Kaffee mit göttlich aromatischem Apfelküchlein (karamellisiert, es lebe der Zucker!). Ich frage in der Tourist Info nach, wo der Soldatenfriedhof ist und bekomme Auskunft. Dazu mehr weiter unten.

Die Bischofsburg von Kuressaare schauen wir uns natürlich auch noch an; eine wunderbar symmetrische Trutzburg am Rand der Altstadt und die Keimzelle des Städtchens. Viel Bischof ist im Inneren nicht zu sehen, stattdessen eine verwirrende Ansammlung von Räumen, Gängen und Türmen. Fast überall wird Interessantes ausgestellt: Das Leben der Menschen hier vor dem Krieg, währenddessen und nachher, inklusive "roten" Politikern, einer Wohnung um 1950 und Alltagsgegenstände. In anderen Räumen zeigen sie das Kriegsgeschehen, insbesondere die Jahre 1941-44, als Saaremaa zuerst von den Deutschen besetzt und dann von den Russen eingenommen wurde. Mein Onkel Walter Eisner war dabei, und er wurde laut meinen Erkenntnissen am 10. August 1944 bei Saikowo getötet (von einer Granate zerfetzt und "pulverisiert", sodass kein Leichnam blieb, den man hätte beerdigen können). Doch all das kann nicht stimmen: Die russische Invasion begann erst im September 1944, und es gibt nirgendwo auf Saaremaa ein Saikowo. Später fahren wir noch auf den besagten Soldatenfriedhof, wo ich alle Gräber der 1944 gefallenen Soldaten ablaufe, um eventuell doch seinen Namen zu finden. Aber es gibt nirgendwo einen Walter Eisner. So bleibt dieses Rätsel ungelöst.

Nach dem Einkaufen fahren wir auf den Campingplatz Tehumardi direkt am Meer. Der Platz ist schön, und es gibt auch wenig Mücken. Hier wollen wir eigentlich morgen einen ganzen Tag lang "Urlaub machen", am Strand liegen und faul sein. Das geht aber nicht. Das Meer am kleinen Sandstrand ist die reine Quallen- und Algenbrühe. Igittigitt! Da fahren wir morgen halt weiter nach Pärnu, da gibt es wenigstens einen gescheiten Strand.

 


Übers Meer ans Meer

- Mittwoch, 5. August 2020

 

Bei strahlendem Wetter fahren wir von Saaremaa weg, weil man hier nicht baden kann. Überall Steinstrand oder Quallenbrühe. Eventuell gingen die Strände im Norden der Insel, aber wir fahren halt weiter. Leider verpassen wir ganz knapp die Fähre (wir sehen praktisch noch die Rücklichter), weil die Fahrt doch länger dauert als gedacht, nämlich mehr als eineinhalb Stunden. Auf der Straße ist jetzt auch viel mehr Verkehr als bei der Hinfahrt, und dementsprechend voll werden die Fähren gepackt. Um kurz vor elf fahren wir ab und genießen die Sonne auf dem Passagierdeck mit einer Tüte Pommes in der Hand.

Auf der Landseite türmen sich plötzlich Wolken auf - war das die absolut falsche Entscheidung? Doch bis wir in Pärnu sind, sind wir unter den Wolkentürmen durchgetaucht und haben nur noch ein paar hohe Cirren. Wir fahren an den Strand, wo es Bezahl-Parkplätze gibt und sind mit 5 Schritten am Wasser. Also faul aufs Handtuch legen und den weichen, weißen Sand genießen! Die Ostsee ist hier sehr flach: Man kann mehrere hundert Meter lang hinauswaten und kommt eigentlich gar nicht zum Schwimmen. Aber das Wasser erfrischt dennoch und kühlt unsere Mückenstiche. Denn die Schnaken sind hier anscheinend giftig, denn meine Knöchel sind rot, heiß und total angeschwollen. Ich packe den Fuß am Abend in eine feuchte Binde und lege ihn hoch - eine innere Entzündung will ich nicht riskieren.

Aber vorher gehen wir noch auf den Stadt-Campingplatz, der am Pärnufluss liegt. Ein einfacher Platz mit Zement und etwas Wiese, gleichzeitig ein Hostel. Zu viele Leute und zu wenige Toiletten. Die Klos sind am Morgen alle versch... und absolut ekelhaft. Zum Glück hatten wir einen so schönen Abend in Pärnu, denn in der Innenstadt gab eine Volkstanzgruppe eine Vorstellung. Die Tänzer bestanden aus einer Gruppe mit Frauen und zwei gemischten Gruppen mit jungen Tänzerinnen und Tänzern. Echte Folklore, nicht so ein Touristen-Gedöns. Die Jungs tanzten auch mal alleine und machen den "dicken Max", sehr lustig anzuschauen. Ich war begeistert. Außerdem gingen wir lecker Pasta mit Spinat und griechischen Salat essen. Und zuguterletzt fand ich noch zwei schöne Kleidchen für die Kinder zu einem guten Preis. Der Weg zurück fällt Dieter relativ schwer - immer tun die Beine, die Füße oder die Hüften weh. Lustig sind die Straßenlampen entlang des Flusses, die wie Paddel aussehen.

 


Durchs Hinterland - Donnerstag

- 6. August 2020

 

Nach einem kurzen Einkauf in Pärnu (Milch, Saft, Herpes- und Mückencreme) fahren wir Richtung Valga. Die Fahrt dauert ewig, links und rechts Bäume und Wald und Bäume. Auch die Störche sind wieder da. Wie viele haben wir wohl schon gesehen? Hunderte? Sie staksen über die Wiesen, kommen der Straße oft gefährlich nahe. In den Dörfern und manchmal auch auf Strommasten gibt es immer wieder Storchennester. Also ade Estland, schade! Mir hat die Sprache so gut gefallen: Tere Tulemast an jedem Ortseingang, "Tere" bei der Begrüßung, Maja heißt Haus und tuletorn Leuchtturm. Es war schön hier!

Über Valga kommen wir mit kleiner Umleitung um 13.30 Uhr in Aluksne an. Die Caféteria am Parkplatz hat ein warmes Büffet und wir essen zu zweit für 7,66 Euro - inklusive Getränk! Der Schlosspark ist eine Wucht: Auf der Insel mit Sportplatz, Café und Seilbahn zum Dranhängen. Eigentlich ist hier die livische Ordensburg aus dem 13. Jahrhundert zu Hause, aber die ist nur noch in kleinen Teilen erhalten. Aber der Kaffee ist lecker, wenn auch für lettische Verhältnisse teuer. Wir schauen auch noch die lutherische Kirche im Städtchen an, ein klassizistisches Bauwerk, das völlig verfällt. Überall Risse, alles feucht.

Der Campingplatz Jaunsetas liegt auf einer Wiese direkt am See, auf dem mit enervierender Eintönigkeit ein Speedboot seine Runden dreht. Wahrscheinlich übt der Typ für das Bootsrennen, das irgendwann hier stattfindet. Wir haben einen richtig gemütlichen Nachmittag und Abend auf der Wiese. Es ist eigentlich nix los, wie schon vorher unterwegs. Kilometerweit fahren, ab und zu ein Auto. Wir sind in Lettisch-Sibirien, was in mehreren Hinsichten stimmt: Die Bevölkerung spricht hier zum großen Teil Russisch, die Grenze ist nicht weit.

Ein nettes Gespräch haben wir mit einer lettischen Frau, die mit ihrem deutschen Mann und den Kindern im Wohnwagen hier im Urlaub ist. Die Mama wohnt bei Cesis, und sie erkunden jeden Sommer einen weiteren Teil ihres Heimatlandes. Ich gehe auch endlich mal ein kleines Stück am See spazieren. Den ganzen Abend sitzen wir draußen, weil das Wetter angenehm warm ist. Der Sommer kommt auch nach Lettland.

Allerdings sind die "Örtlichkeiten" hier eine Katastrophe: Ein morscher Holzbau mit 3 Toiletten und 2 kombinierten Toiletten mit Dusche. Alles riecht faul, die eine Toilette ist verstopft, in den Duschen modern Grasknäuel vor sich hin. Das Wasser ist braun. Als ich aufs Klo gehen will, schwimmt da eine braune Wurst drin, die sich nicht herunterspülen lässt. Pfui Teufel! Da bleiben wir wieder einmal keine zweite Nacht.

 


675 km nach Moskau

- Freitag, 7. August 2020

Wir fahren über Gulbene und Madona nach Rezekne, eine kleine Stadt mitten im lettischen Hinterland. Es ist wirklich eine Gegend mit Wald, Wiesen und Feldern, Feldern, Wiesen und Wald. Kilometerweit nichts als Straße, mal ein Bauernhof, eine dunkle, krumme kleine Butze oder gar ein Gehöft, aber sonst nur Landschaft. 20 km, 40 km, 80 km weit keine Siedlung, die diesen Namen verdient. Kaum Bushaltestellen, und wenn doch, dann fragt man sich, wo denn hier einer wohnt.

Von Rezekne haben wir gar nichts erwartet. Deshalb sind wir überrascht über die schöne Stadtsilhouette mit einer roten Doppelturm-Kirche im Hintergrund. Rezekne hat die Reste einer Burg und 6 Kirchen: Zwei katholische, eine russisch-orthodoxe, eine evangelische, eine altgläubig-orthodoxe und eine Synagoge. Wir besuchen die besagte rote Kirche, die auch Bischofskirche des Bistums Rezekne-Aglona ist. Außerdem gibt es ein Kreativzentrum, das auch sehr kreativ gebaut ist, mit vielen schrägen Linien.

Weiter geht´s zum Raznas Ezers, denn am Südende des Sees befindet sich die höchste Erhebung (Berg kann man da nicht sagen) Lettlands mit einem 34 Meter hohen Turm obendrauf. Wir klettern hoch und sehen - auf 4 Seiten Wald. Dann fahren wir über Dagda nach Aglona. Dagda ist ganz nah an der russischen Grenze. Schon in Rezekne haben wir ein Hinweisschild gesehen: "Moskau 675 km". Das ist wirklich der Knaller des Tages! Die Hauptstadt der Russen ausgeschildert und relativ nah! Kein Wunder, dass die Satellitenantennen hier nach Osten ausgerichtet sind, hin zum russischen Rundfunk. Wir sehen sogar ein Auto mit lettischem Kennzeichen und provokativ angebrachtem rotem Russenstern. Nicht alle Bewohner Lettlands sind begeistert von der Unabhängigkeit ... Dies erleben wir auch bei einem Ex-Ossi am Zeltplatz vor einigen Tagen: Das Baltikum ist schön und wild, man hat ein Beil und einen Klappspaten dabei und bahnt sich seinen Weg. Im Übrigen war das früher ja alles ganz toll, nur, dass die Reisefreiheit fehlte.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, 7 Seen weiter, kommen wir gegen 15 Uhr nach Aglona. Dort steht DIE Wallfahrtskirche Lettlands, strahlend weiß und im Zuckerbäckerstil gehalten. Innen eindrucksvolle Quasi-Marmor-Wände und einige Marienfiguren, dazu die Inschrift MONSTRATE ESSE MATREM (zeigt, ihnen, dass sie die Mutter ist?). Der Papst Johannes Paul II. war hier und feierte schon 1980 eine Messe mit all den katholischen Letten, denn hier gibt es viele Menschen, die ursprünglich aus Polen kamen und daher katholisch sind. Nach dieser Zurschaustellung katholischer Frömmigkeit brauchen wir einen Kaffee und finden eine Kafejnica (in Estland hieß das Kohvik), wo wir auch eine Süßspeise essen. Ansonsten gab es heute nur Frühstück. Ich mache mir 2 Brote, weil der Hunger nagt. Hinter Daugavpils wollen wir richtig essen.

Doch der Campingplatz in Zarasai/Litauen ist eine absolute Enttäuschung. Klein, ein Holzsteg zum Wasser des Zarasas-Sees. Ein kauziger Dresdner sitzt mit einer schwarzen Kaffeepampe vor seinem Zelt, ungewaschen, mit dreckigen Klamotten und einem Handtuch, das einfach unbeschreiblich aussieht, und meint, dass die Zeltplätze hier "russisch-rustikal" seien. Was ist ER dann? Also fahren wir einige Kilometer weiter, denn da ist angeblich ein weiterer Zeltplatz. Den finden wir aber nicht und fahren weiter. Der nächste Zeltplatz ist erst wieder bei Moletai, mehr als 80 km weiter. Die Autobahn A14 ist eine echte Zumutung: Ausgefahren, voller Flicken, Spurrillen, ausgefranste Ränder, hoppelig. Hier kann man noch nicht mal 90 Stundenkilometer schnell fahren - eine Belastungsprobe für Mensch und Maschine. Wir tanken nochmal voll, weil es hier im Hinterland wenige Tankstellen gibt. Dann weiter. Aber oje, der Drei-Sterne-Campingplatz Mindunu bei Moletai, auf den wir uns gefreut hatten und der endlich um 19.30 nach Rumpelpiste vor uns liegt, ist voll! Freitag, Wochenende, schönes Wetter, alle Familien wollen Urlaub machen. Keine Möglichkeit für uns! Etwas weiter hinten gäbe es noch einen Campingplatz, sagt die junge Dame an der Rezeption gelangweilt. Da sollten wir es doch mal versuchen. Die Betonung liegt auf „suchen“, wir irren auf absolut schrecklichen Sand- und Kiespisten durch den Wald und finden den Zeltplatz nicht. Also weiter. Dieter heizt über die Rumpelpisten und Straßen, wir krachen über Asphaltabbrüche und sind allmählich am Verzweifeln. Ich schaue in unseren Camping-Prospekt und finde noch einen letzten Campingplatz in der Nähe, Obuoliu sala, mit 2 Sternen am Sirniai-See bei Mindunai. Ich rufe an und frage, ob sie noch ein Plätzchen für uns haben. Sie haben, zum Glück. Das Navi behauptet, wir müssten noch 52 Minuten fahren, aber es ist zum Glück nur eine Viertelstunde. Endlich sind wir da, checken ein und bekommen im kleinen Restaurant sogar noch etwas zu essen. Dieters Knie tun weh vom langen Fahren.

Die Nacht ist kurz, weil eine Campergruppe feiert und zwei Kinder sich bis um 1 Uhr brüllend unterhalten. Überhaupt gibt es die kleinen Kinder hier nur im Schreimodus. Sie reden nicht, sondern fordern Aufmerksamkeit, indem sie jedes Wort herausbrüllen. Die Lautstärke zehrt an meinen Nerven. Ich halte das sehr schlecht aus. Und die Nachtruhe fehlt mir.

 


Schrei und kreisch

- Samstag, 8. August 2020

Auch am See gibt es keine ruhige Sekunde, denn die Kinder Schrei, Brüll und Kreisch sind immer da. Der Platz ist voll. Aber am Mittag bekommen wir eine Mütze voll Schlaf im WoMo, ich kann schreiben und Wäsche waschen, und Mittagessen gibt es auch.

Aber der Platz hier ist nichts für uns. Überall Krach, im Restaurant laute Musik. Wir suchen ab jetzt nur noch kinderunfreundliche Campingplätze!

Als ich am nächsten Morgen mit der Managerin spreche, schüttet sie mir ihr Herz aus: Alleinerziehend, die zwölfjährige Tochter ist schwierig, die Gäste auch, vor allem die mit Kindern. Sie meint, die Balten wissen nicht, wie sie erziehen sollen – früher gab es nur Drill, jetzt ein Vakuum. Aber bei uns in Deutschland ist das doch genauso! Ich meine, es ist eher der Zeitgeist, viel zu diskutieren und nicht zu führen.

 


Sonne und Gewitter

- Sonntag, 9. August 2020

Nach dem Frühstück auf dem Brüll-und-Kreisch-Platz fahren wir weiter in Richtung Vilnius. Die Stadtgrenze beginnt schon 20 km vor der City. Hier ist eigentlich eine Schrebergartengegend, die gerade durch Bauplätze aufgewertet wird. Neue Häuser stehen neben Datschen, und auch ein Supermarkt hat sich schon angesiedelt. 20 km in die "falsche" Richtung geht es zum Europos Centras, ein wunderschöner Wald mit vielen internationalen Skulpturen. Hier ist laut Aussagen der Betreiber der Mittelpunkt Europas, wenn man Linien vom Ural bis nach Island und Spanien zieht. Naja.

Die Kunstwerke sind teilweise wirklich beeindruckend: Eine Serie mit balancierenden Figuren im Boot oder im Handstand, alle auf Seilen von einem polnischen Künstler. Ein tolles Holzkreuz. Ein Riesensofa mit einem Gefäß im Sitzteil (Sofa für Fische?). Verschieden große, rund bearbeitete Riesensteine auf einem Feld. Eine hauchzarte Metallfolie, auf die Blumen gesprüht sind, dazwischen wachsen echte Pflanzen. Eine hohe Mauer aus kleinen Platten. Überhaupt stehen viele Kunstwerke direkt in Beziehung zum umgebenden Wald. Eine andachtsvolle Ruhe steht darüber, als der brüllende Motor der Motorsense endlich verstummt. Und zum Schluss acht Säulen aus Kieselsteinen, die durch Zementputz zusammengehalten werden. Daraus soll ein Denkmal werden für Litauen, das aussieht wie eine Königskrone. Zwischen den Steinsäulen treffen sich dann elegante Metallstreben im Mittelpunkt über den Säulen. Ganz oben ein keltisch aussehendes Pferd mit Reiter. Momentan wird dafür Geld gesammelt. Ein tolles Projekt!

Weiter geht´s nach Vilnius. Wir fahren zur einzigen noch erhaltenen Synagoge - 1919 lebten etwa 100.000 Juden im "Jerusalem des Nordens" und die Synagogen waren fast unzählbar! Fast keiner überlebte - die Schande des 20. Jahrhunderts. Die Synagoge ist entgegen den Angaben des Reiseführers leider geschlossen, sicherlich aus gutem Grund. Aber in unmittelbarer Nähe befindet sich ein guter Parkplatz direkt an der Pylimo, eine der Hauptverkehrsstraßen, und der ist sonntags sogar kostenlos! In 10 Minuten sind wir an der Tourist Info und erkundigen uns nach einem Bus zum Besichtigen der Altstadt. Nach unklaren Angaben gehe ich noch einmal fragen und werde fast rausgeschmissen (We are closed now!!!!). Die Frau schickt mich an die falsche Stelle, und als der Bus kommt, fährt er 100 Meter weiter an uns vorbei. So ein Ärger! Also wieder einmal zu Fuß die Stadt erkunden, die riesig ist.

Wir pilgern zuerst in die freie Republik Uzupis, ein Stadtteil von Vilnius. Dort gibt es für mich Cepelinai und Kaffee, für Dieter ein Wasser. Die prächtig ausgestaltete orthodoxe Kirche direkt neben dem Café dongelt immer wieder eindringlich. Dann weiter zur St. Anna- und Bernhardinerkirche, Meisterwerke der Backsteingotik. Dann zum Gediminasturm am Burgberg. Hier schnaufen und prusten wir die Stufen hoch, um das tolle Panorama von Vilnius zu genießen. Gerade als wir oben sind, fängt es an zu gewittern. Schnell noch ein paar Fotos machen, dann mit dem Aufzug runter zur Kathedrale. Die ist klassizistisch-langweilig, mit monumentalen Gemälden der Apostel. Wir humpeln an der Universität und am Präsidentenpalast vorbei, kommen zur Tourist Info und wackeln noch weiter zu den Markthallen, wo wir noch etwas Obst erstehen. Dann noch ein Abstecher zum Tor der Morgenröte, und durch den Torbogen in die Altstadt. Und hier ist es, das städtische Leben, das wir vorher vermisst haben! Kirchen, Stadtpaläste und Kneipen, Restaurants und Geschäfte. Leider gehen wir mittlerweile konditionsmäßig am Stock, sodass wir das nicht mehr genießen können. Wir wanken zurück zur Pylimo, steigen ins Auto und geben den Campingplatz in Trakai ein.

Die Fahrt ist normalerweise nicht lang, aber ausgerechnet hier gibt es keinen Supermarkt. Also zurück bis fast nach Vilnius, einkaufen und wieder Richtung Trakai. Der Zeltplatz ist eine Wucht! Groß, saubere Sanitäranlagen und vor allem ein Strand mit Wahnsinnsblick zur Burg, die am anderen Seeufer liegt. Ballone fahren über dem See, am anderen Ufer gibt es ein Rockkonzert. Ich reibe mir die Augen: Ist das echt? Ja, es ist.

 


Sonne satt

- Montag, 10. August 2020

Schwimmen, sonnen, aufräumen, essen, Kaffee trinken, die Weiterfahrt planen, nachmittags ein Gespräch mit gerade erst angekommenen Tübingern: Die Grenze von Polen nach Litauen ist dicht bzw. es gibt Quarantänebestimmungen wegen der hohen Corona-Zahlen in Polen!

 


Noch `ne Burg, noch `ne Stadt

- Dienstag, 11. August 2020

Morgens machen wir uns fertig zur Abfahrt. Es waren 2 schöne Tage in Trakai mit seinem glasklaren See, der tollen Burg und dem wirklich komfortablen Campingplatz. Wir besichtigen die Burg in Trakai, die wir die ganze Zeit vom Badeplatz aus gesehen haben. Die Ziegelsteinburg wurde in vielen Jahren und Jahrzehnten wiederaufgebaut, denn sie war immer wieder einmal total zerstört. Sehr schön ist der große Saal mit seiner sternenförmigen Gewölbekonstruktion, in dem gerade ein Pianist einige Stücke probt. Nachher sehen wir auch festlich angezogene Gäste zur Burg pilgern - sicherlich eine Feier. Ansonsten gibt es einige Räume, die mit Einrichtungsgegenständen aus dem 19. Jh möbliert sind, eine Münzen- und eine Pfeifensammlung aus Meerschaum und anderen Materialien. Der Turm ist leider nicht geöffnet, dennoch hat man von einigen Stellen aus einen schönen Blick auf die Landschaft. Das war ein Lieblingsplatz!

Danach machen wir einen Abstecher zum Freilichtmuseum Rumsiskes, in dem ganz Litauen mit seinen Häusern aufgebaut wurde. Ich würde es gerne sehen, aber Dieter scheut die Fülle der Ausstellungsobjekte bei dem heißen Wetter. Wir fahren also nach Kaunas, zuerst zum Shopping Center 1000, ein Büroturm, auf dem großflächig Geldscheine prangen. Sehr futuristisch anzuschauen! Gegenüber gibt es eine Shopping Mall mit bergeweise Klamotten und Schuhen. Drei Stockwerke auf 250 Meter voller Klamotten und Schuhe! Das Ganze war einmal ein Bahnhof, deshalb hat man an die eine Seite eine Art Eisenbahn aufgebaut, in deren Abteilen sich Schnellimbisse niedergelassen haben. Eine witzige Sache! Wir essen einen superleckeren Döner bzw. Hühnchen mit Pommes und Salat. Danach fahren wir gut gestärkt in die Altstadt.

Aber o weh, so einen Verkehr habe ich in Deutschland auch nur in Frankfurt oder München erlebt. Kilometerweise vierspurige Straßen (ach hier sind all die Litauer!), und wir mit dem WoMo mittendrin. "Bitte wenden Sie", sagt das Navi. Ja wie denn, bitteschön, auf einer vierspurigen Straße? Ich kriege die Krise! Schließlich hat Dieter wieder einmal einen super Parkplatz mitten in der Altstadt, der noch nicht einmal teuer ist. Wir schauen uns in der Altstadt um, aber so berauschend sind die Kirchen nicht, und auch der Zusammenfluss von Neris und Nemunas gestaltet sich sehr unspektakulär. Selbst die Frau von der Tourist Info weiß nicht, wo sie uns hinschicken soll. Wir entdecken, dass Kaunas sich langsam und leise erschließt. Zum Beispiel bei einer Fahrt mit der zweit-einzigen Bergbahn im Baltikum, die tapfer einen Aussichtspunkt erklimmt. Hier sieht man wirklich die ganze Stadt.

Wir tappen also zur Vilniusstraße, eine Fußgängerzone mit sehr vielen gemütlichen Cafés, und dann in die Freiheitsallee. Eine riesenlange und sehr breite Straße mit einem Baumstreifen in der Mitte. Die Geschäfte sind nicht so toll, aber am Schluss wartet die ehemals "oxedoxe" (orthodoxe) Kirche mit Riesenkuppel. Wir trinken noch einen Eiskaffee und pilgern zurück. Und dann beginnt die Suche nach dem Campingplatz. Wieder Alleen, diesmal mit Berufsverkehr mitten in der Rush Hour. Dazu doppelte Linksabbiegerspuren, die sich mit den Geradeausspuren kreuzen. Ich kriege schon wieder die Krise! Endlich sind wir am Platz, aber der existiert nicht mehr. Also weiter, den nächsten suchen. Rechts und links und geradeaus, auf die Autobahn und wieder runter, ach nee, das war zu früh, o je, wie kommen wir jetzt dahin? Endlich haben wir es geschafft, nach mindestens einer halbstündigen Suche. Der Platz ist total laut an einer Hauptverkehrsstraße gelegen, hat aber einen wunderschönen Strand, sogar mit Wasserski, und eine Bar. Nach einem "Sex on the Beach"-Cocktail kann ich trotz Autokrach schlafen.

 


Ciao Baltikum, hallo Polen!

- Mittwoch, 12. August 2020

 

Also nochmal Kaunas. Wir schauen uns die große weiße Kirche oben auf dem Berg an, die schon in den 1930er-Jahren gebaut wurde, aber später als Industriegebäude genutzt wurde (schönen Dank an die Russen!) und erst 1989 wieder seiner Bestimmung übergeben wurde. Ein Monumentalbau, unvorstellbar groß, sehr funktional, sieht ein bisschen aus wie das Empire State Building. Auch innen ist sie konsequent schlicht, nur einige bunte Fenster und ein Kreuzweg, ansonsten nur Vertikal- und Horizontallinien. Sehr interessant.

Dann mit der Bergbahn (die andere zweiteinzige) runterfahren und zum Teufelsmuseum. Es liegt in einer Straße mit ganz vielen ursprünglichen Bauhaus-Häusern, einige davon renoviert. Auch in der Altstadt gibt es eine ganze Menge davon. Das Museum öffnet leider erst um 11 Uhr, sodass wir 45 Minuten warten müssen. Es hat die weltweit größte Sammlung von Teufelsfiguren aus Holz, Stein, Glas und Metall, sogar ein edles Service mit Teufeln ist dabei. Dieter lacht sich über einige der lustigen Teufel kaputt.

Dann nehmen wir Abschied, zuerst von Kaunas, dann von Litauen und vom Baltikum. Wir essen gegen 13 Uhr in einem kleinen Dorf Mittag und sind gegen 15 Uhr in Polen. Dort ist es eine Stunde früher, sodass wir noch genug Zeit haben, über Suwalki und Olecko nach Gizycko zu kommen. In Rydzewo gibt es ein wenig Verwirrung mit dem Navi, sodass wir zwei Campingplätze und ein Restaurant anfahren, inklusive waghalsiger Wendemanöver, und dann erst "Echo Mazurka" finden. Hier ist es hübsch voll und hübsch hübsch, mit Zugang zum See. Aber mit Trakai kann der sich bei weitem nicht messen! Schön anzusehen sind die vielen Segelboote auf der anderen Seite des Sees, denn Gizycko ist das polnische Segelparadies.

Noch etwas einkaufen, mal kurz ins Wasser und zu Abend essen, dann ist dieser Tag auch schon wieder vorbei.

 


Gerührt und geschüttelt

- Donnerstag, 13. August 2020

Frohen Mutes brechen wir gegen Viertel nach Neun auf in Richtung Wolfsschanze; gegen 10 Uhr sind wir über verwunschene Alleen mit mächtigen Eschen, Eichen und Birken bei Ketrzyn angekommen. Parken plus Eintritt kosten 40 Zloty, also knapp 10 Euro. Auf Empfehlung der supernetten Campingplatzbesitzerin nehmen wir uns einen Führer (wie passend im Führerhauptquartier!). Der ist, wie er sagt, ein Militärexperte und entsprechend eingebildet und arrogant. Er fragt ständig irgendwelche Dinge, die nur er beantworten kann. Meine Frage: "Warum gerade hier in Rastenburg?" beantwortet er erst ganz zum Schluss und behauptet, die Bunker seien nur hier errichtet worden, weil der Planer und Baubeauftragte Herr Todt, der auch Autobahnen und weitere Bunkeranlagen baute, aus der Gegend kam. Naja. Sicherlich schlug er die dichten Wälder in der Nähe Russlands vor, weil er sich hier auskannte. Aber die Nähe zu Russland war bestimmt gewollt, um den Krieg an der Ostfront zu koordinieren.

Die Bunkeranlagen oder das, was davon noch übrig ist, sind jedenfalls von gewaltigen Ausmaßen. 7 Meter dicke armierte Wände und Decken - die Herren Krupp und Dyckerhoff haben jedenfalls gut daran verdient. Wobei die dicken Decken wohl Unsinn waren, denn ab einer gewissen Stärke wird es nicht mehr besser, und die Entlüftung wird sogar schwieriger. Die Bunker dienten den Besuchern als luxuriös eingerichtete Quartiere, alle Speisen und Getränke waren kostenlos, auch für die Angestellten. Rund um die Bunker lebten 5.000 Bedienstete aus dem Heer oder aus zivilen Berufen. Zurück blieben Betonbatzen, einige Bunker, die teilweise zerstört sind, und verbogene Stäbe überall. 88.000 Minen haben die Polen nach dem Krieg räumen müssen, und dabei sind etliche Soldaten ums Leben gekommen. Das Ganze war die kranke Idee eines kranken Hirns.

In einer Baracke wurde die Szene des Stauffenberg-Attentats nachgestellt, inklusive einer Hitler-Gestalt. Stauffenberg hatte zu wenig Zeit, einen zweiten Zünder einzubauen, weil genau an diesem Tag Mussolini zu Besuch kam und daher die Lagebesprechung eine Stunde vorverlegt wurde. Einige Anwesende starben, aber Hitler wurde nur leicht verletzt, auch, weil ein General die Tasche mit der Bombe ein wenig beiseite rückte. Sonst wäre der Tyrann vielleicht doch getötet worden und viele Menschen am Leben geblieben. Mister Klugscheißer sagt, dass Stalin von der Wolfsschanze wusste, weil er die Information aus General Paulus herausgepresst hatte, als dieser in russischer Kriegsgefangenschaft war. Doch Stalin habe kein Interesse gehabt, Hitler zu töten, weil er gewollt habe, dass der Krieg weitergeht. Wie auch immer, die Geschichte ist eben so gelaufen.

Seltsam ist das Verhalten der Besucher - vor allem der Polen: Sie lassen sich am Hitler-Bunker fotografieren, kaufen Devotionalien und fahren sogar mit einem echten Panzer, gelenkt von einem Kundigen, umher. Keine Reflexion, keine Einsicht, gar nix. Nur die siegreichen russischen und polnischen Armeen. Manchmal denke ich, es ist schwierig, Sieger gewesen zu sein. Da lernt man nichts. Ob wir Deutschen die Einzigen sind, die sich mit ihrer Schwäche und all dem Schlechten auseinandergesetzt haben? Wahrscheinlich.

Nach einem leckeren Mittagessen im Wolfsschanzen-Restaurant (ja, das klingt komisch und ist es auch) fahren wir weiter. Ich entdecke auf der Karte den Ort Heiligenlinde - Swieta Lipka - und beschließe, dass wir da hinfahren müssen. Es lohnt sich absolut: Die Kirche ist ein absoluter barocker Traum in Weiß und Blau mit einem gewaltigen Tonnengewölbe, einem mehrstöckigen Altarbild und einer Orgel, die zum Niederknien schön ist. Sie ist in Blau und Gold gehalten, mit Sternen, die sich beim Spielen der Orgel drehen, Engeln, die sich verneigen und Cherubim, die Glöckchen erklingen lassen und Weihrauchfässer schwenken. Eine Viertelstunde lang spielt der Organist verschiedene Stücke, unter anderem von Bach, und zieht dabei viele Register. Mir kommen die Tränen, so schön ist das (das ist das "Gerührt" aus der Überschrift). Dass wir diesen Augenblick erleben konnten, ist ein riesiges Geschenk.

In Reszel sehen wir die Burg und Kirche, dann geht es weiter auf unmöglich schlechten Nebenstraßen in Richtung Malbork. Vor allem die 513 ist eine echte Rüttelpiste mit Schlaglöchern. Ob die Tassen im Schrank wohl noch ganz sind? Mein Nacken und der Rücken würden sich jedenfalls über einen Physiotherapeuten sehr freuen! Nach zig Kilometern Gerüttel und Geschüttel mit Phasen von Beinahe-Stillstand wegen altertümlicher Erntemaschinen auf der Straße kommen wir endlich auf die Schnellstraße und schließlich gegen 18 Uhr an den Campingplatz von Malbork. Der liegt direkt gegenüber der Marienburg - man kann zu Fuß dorthin laufen! Wir genießen unser gegrilltes Abendessen mit Blick auf die Burg. Schön!

 


Der Tag der zwei Städte

- Freitag, 14. August 2020 

Wir lassen uns früh vom Handy wecken, um gleich um 9 Uhr in der Marienburg zu sein. Also los, vom Campingplatz auf den benachbarten Parkplatz, Auto abstellen und zur Burg pilgern. Wir erwischen die falsche Warteschlange mit den Audio-Führern und müssen uns noch einmal anstellen. Nur eine Kasse ist geöffnet, und der Kassierer muss auch noch zwischendurch das Telefon annehmen. Es dauert also. Dieter schimpft schon vor sich hin.

Wir werden aber für die Wartezeit mehr als entschädigt, denn die Burg zeigt tatsächlich eine komplett erhaltene mittelalterliche Burg mit Wandmalereien, gelben und grünen gebrannten Ziegeln auf dem Boden, Küche und Festsaal, Gemächern des Leiters, einer gotischen Kirche, Bernstein- und Waffensammlungen. Beim Brennen der Ziegel, so hören wir, gab es immer auch dunkle Exemplare, die dann für Muster in den Mauern verwendet wurden. Es gab die ältere Hochburg, die jüngere Vorburg und Verteidigungswälle zwischendrin. Nach der letzten schweren Zerstörung im 2. Weltkrieg wurde sie liebevoll restauriert. Der Audio-Guide erzählt von alldem ausführlich und in gutem Deutsch. Eben professionell. Leider wird der gute Eindruck getrübt, weil ich in einem Shop das Buch über die Marienburg kaufen möchte, dies aber nicht vorrätig ist. Ich kaufe also ein anderes, komme in den nächsten Shop - und da liegt das gesuchte Buch in vielen Exemplaren. Zurückgeben des ersten Buches geht aber angeblich nicht. Die Aufseher sind außerdem sehr unfreundlich, scheuchen die Leute, wenn sie anders laufen als vorgesehen. Alles in allem polnisch-militärisch.

Wir essen in einer benachbarten Caféteria dicke Hähnchenspieße, Kartoffeln und Salat, dann wollen wir ins WoMo, an einen schattigen Platz fahren und ausruhen. Als wir vom Parkplatz wegfahren, stellt sich der Parkplatzwächter in den Weg und sagt, wir müssen 30 Euro für den ganzen Tag zahlen. Überall steht aber, das sei ein kostenloser Parkplatz. Dieter wird wütend und will nicht zahlen. Der Mann bleibt direkt vor dem WoMo stehen. Schließlich müssen wir zahlen, sonst können wir nicht fahren.

Mit Ausruhen ist auch nichts, denn neben der Straße nach Danzig gibt es keinen ruhigen Platz. Unser Navi, das ich Tante Patty nenne, lotst uns ganz verrückt durch die kleinsten Sträßchen, obwohl es eine Schnellstraße direkt daneben gibt. Wahrscheinlich braucht sie ein Update. Endlich kommen wir auf die Autobahn Richtung Danzig, fahren relativ problemlos durch die Stadt und kommen an der Sport-Uni an - der einzige Platz, der noch freie Kapazitäten hat. Aber o weh, an der Rezeption ist niemand, auf dem Platz stehen 3-4 weitere Camper und keiner weiß Bescheid. Nach vielen Telefonaten und einem größeren Hin und Her sagt man uns, wir könnten bleiben, müssten aber vorab Geld überweisen und es gebe wegen Corona keine Toiletten und Duschen. Das Ganze soll 100 Zloty kosten, also knapp 25 Euro, so viel wie die besten Plätze hier! Wir entscheiden uns schließlich am Platz, doch eine Nacht dazubleiben - mangels Alternativen.

Dann kommt schon das nächste Problem: Keine Zloty und keine Bank in der Nähe. Also fahren wir mit dem letzten 20-Zloty-Schein mit der Tram los, ohne genau zu wissen, ob wir richtig ankommen. Ein netter Pole in der Bahn nimmt sich unserer an und bringt uns sogar zur Tourist-Infopoint in der Altstadt. In der Stadt ist gerade "Jarmark", eine Danziger Institution mit Riesenrad und 1000 keinen Buden, die alles Mögliche verkaufen. Corona stört hier anscheinend niemanden.

Die Stadt ist toll mit völlig intakter Altstadt und reihenweise alten Häusern mit den typischen Giebel-Fassaden und immer anderen Dachformen. Ein Kleinod! Wir finden sogar noch eine Bank und steigen zum guten Schluss auf den Turm der Marienkirche. 400 Stufen!!!!! Um 18 Uhr hören wir das Glockenspiel im Rathausturm eine Melodie spielen, und als wir uns an den Abstieg machen, läutet auch die Marienkirchenglocke direkt neben uns auf Stufe 260. Es dröhnt und hallt noch lange nach. Auch die Decke der Kirche sehen wir von oben.

Nur sind auch hier die Damen von der Tourist Info ungnädig. Keine Chance herauszufinden, wann und wo der Hop on-hop off-Bus hält. Man weiß es nicht oder man will es uns nicht sagen, weil es schon eine Minute nach 6 ist und die Info geschlossen ist. Wir ziehen von dannen, Dieter humpelt und hat Schmerzen im Rücken und in den Beinen. Wir fahren mit derselben Tram zurück, sind aber total irritiert, als wir an der richtigen Station "Opera baltycka" aussteigen: Sah das wirklich so aus? Und wo ist der Campingplatz? War das Opernhaus vorhin schon da? Aber schließlich finden wir den Platz, grillen noch unser letztes Fleisch und schlafen einen unruhigen Schlaf, der von Zügen, Autoverkehr und Stimmen in der Nacht unterbrochen wird.

 


Flucht aufs Land

- Samstag, 15, August 2020

Dieter hat keine Lust mehr. Alles tut weh, es ist heiß und Danzig war gestern schön, aber anstrengend. Also fahren wir weiter Richtung mittlere Ostsee. Nach Stunden über kleine Straßen und eine Schnellstraße sowie eine Umleitung in Köslin, die Gaby völlig verpeilt hat, kommen wir in Kolberg an. Der Campingplatz, so heißt es im Internet, sei ganz neu und schön. Was wir antreffen, ist eine Matschkuhle am Strand mit Toi-Container und Absperrung, voll in der Sonne, eigentlich ein abgeteiltes Stück Strand. Nie mehr allein aufs Internet verlassen, immer Kartenmaterial und Bücher mitnehmen, das ist die Erkenntnis.

Es gibt noch einen Platz bei Köslin, der Kapazitäten hat, direkt auf der Landzunge zwischen Ostsee und Haff, in Mielno. Also dorthin, 30 km zurück. Seufz! Doch was uns dann erwartet, übersteigt unsere Vorstellungen: Eine Blechkarawane bewegt sich auf Mielno zu und mitten hindurch. Wir mittendrin und auf der Suche nach dem Platz Na Granicy. Schließlich finden wir ihn am Ortsende. Und nicht nur eine Blechkarawane wälzt sich aufs Meer zu, sondern auch eine Menschenkarawane. Mariä Himmelfahrt, Feiertag in Polen, alle wollen ein paar Tage frei machen. Das wissen auch die Ständebetreiber links und rechts der Straße. Von der metallisch glänzenden Handyhülle über den Riesen-Schwimmreifen bis zur Druckluftwaffe gibt es hier alles. Vielleicht erschießen sie auch den einen oder anderen nervenden Touristen damit? Es wäre verständlich.

Das Meer ist eiskalt, vielleicht 16 Grad - maximal. Wir bleiben noch einen Tag, weil wir platt sind und das Wetter schön, 28-30 Grad sind mit einer Brise erträglich.

 


Sonntag, 16. August 2020

Heute wie gestern. Nur wärmer. Am Vormittag kurze Erfrischung im sauberen Meer, am Nachmittag durch Wind und Wellen viele Blaualgen und einige Quallen. So schnell kann sich das durch eine veränderte Windrichtung verschlechtern! Keine Lust, ins Meer zu gehen! Also nur Strand. Es wird immer wärmer.

 


Absturz

- Montag, 17. August 2020

 

Ich kann ganz schwer einschlafen und wache schon um 6 Uhr wieder auf, weil die rechte Hüfte sehr weh tut (wahrscheinlich, weil ich gestern meinen Mittagsschlaf auf der Wiese gemacht habe). Um 7 Uhr nehme ich endlich eine Schmerztablette. Dieter hat auch nicht gut geschlafen und wilde Träume gehabt. Wir sehen zu, dass wir zügig loskommen und fahren über Kolberg, Miedzywodzie und Swinoujscie (wie kommt man auf so absurde Buchstabenkombinationen?) Richtung Deutschland. Polen ist im Urlaubsfieber: Es gibt mehrere Super-Ferienorte, in denen das Leben tobt, die Menschen sich auf die Füße trampeln und Gartenhütten als Ferienhäuser vermietet werden. Einmal auch ein Autounfall mit 3 Fahrzeugen, die gerade zusammengekracht sind. Nur dank der normalen Pkw-Breite unseres WoMo können wir über den Bürgersteig fahren und weiterkommen. Die Landschaft ist kurvig, die Straße auch. Viele Baumalleen, die wie grüne Tunnel die Straße überspannen. Einmal auch ein Buchenwald. Richtig schön!

Ich Swinoujscie dann die Autofähre, denn wir befinden uns zwischen Meer und Haff und müssen einen Fjordarm überqueren. Im zweiten Schiff sind wir dabei, sehen aber auf der Gegenseite, dass die Autos und LKW sich mindestens einen Kilometer stauen! Das dauert! Und es ist richtig heiß, 30 Grad oder so.

Wir wollen etwas vom polnischen Restgeld kaufen und gehen in einen Supermarkt, aber da gibt es nichts Gescheites und die Leute rempeln sich an wie irre. Nein danke! Gegenüber ist ein Dönerladen, also dahin, denn es ist halb Eins und mein Magen knurrt. Der Döner sieht lecker aus. Ich setze mich auf einen Stuhl auf der Terrasse, doch der kommt in Schieflage und stürzt vom Podest. Mit Döner in der Hand und Badelatschen gibt es kein Halten und ich stürze, stauche mir den Knöchel und habe Hautabschürfungen sowie einen riesigen blauer Fleck außen am linken Bein. Ich bekomme einen neuen Gratis-Döner, aber mir reicht es! Als dann noch am engen Parkplatzeingang ein Auto entgegenkommt und uns partout zum Zurückfahren zwingen will, stellt Dieter auf stur und bleibt einfach stehen. Irgendwann schimpfen die Leute, und der Pole legt doch den Rückwärtsgang ein. Nicht unser Tag!

Endlich in Deutschland, geht es auf die Insel Usedom in wunderschöner Landschaft. Im Ort Usedom schauen wir uns die historischen Gebäude an und ich trinke einen Kaffee am Hafen. Kein Cappuccino, sondern Kaffee mit Sahne, und kein leckerer Kuchen, sondern 0815. Naja, weiter geht´s nach Anklam, ein überraschend hübsch herausgeputztes Städtchen mit großer Vergangenheit. Und einer Eisdiele! Dann weiter nach Loitz an der Peene, ein breiter Fluss. Dort finden wir einen Platz auf dem Amazonas Camping (naja, das ist aber übertrieben!). Die Besitzerin ist hemdsärmelig-burschikos, aber die Sanitäranlagen großzügig und sauber, und darauf kommt es an. Jetzt schauen wir uns noch die Peene an, gehen einen trinken, und das war es dann für heute.

 


Zu Sigi und Eva

- Dienstag, 18. August 2020

In Loitz frühstücken wir gemütlich und fahren dann weiter über Demmin, Dargun und Güstrow nach Bützow zu Sigi und Eva. Gegen 13.30 Uhr sind wir endlich angekommen, nachdem wir auf Navi-Vorschlag in Richtung Autobahn gefahren waren und 50 Minuten im Kreis gefahren sind.

Sigi und Eva erwarten weiteren Besuch, ein Paar, das sie von ihren Türkeiurlauben kennen. Es geht überraschend gut, Kaffeetrinken, nette Gespräche, Schwimmen im Fluss direkt hinter Kuchenbeckers Grundstück und abends Kartoffelsalat mit Würstchen, die mir schwer im Magen liegen. Wir erzählen natürlich von unseren Erfahrungen mit dem WoMo.

Schön, sich mal wieder auszutauschen!

 


Suche nach Kurt

- Mittwoch, 19. August 2020

Von Bützow aus geht die Fahrt weiter nach Waren an der Müritz, zur Mecklenburger Seenplatte. Zuerst einmal fahren wir zur Otto-Intze-Straße 4, um Kurt einen Besuch abzustatten. Er hat ja hier im Warener Industriegebiet seine Werkstatt - so denken wir. Die Suche ist schwierig, denn am angegebenen Ort finden wir nur ein Reifen- und Bootslager. Schließlich im Nebengebäude doch ein Lebenszeichen, ein Briefkasten mit Kurts Firmierung. Der Mann im Nebengebäude erzählt aber, dass da selten jemand anwesend sei. Dieter schreibt eine WhatsApp an Kurt, der meldet sich mit einer unbekannten Nummer: Der Verein sei in der Auflösung und er in Österreich. Schöne Grüße! Wir sind doch ziemlich platt, denn angeblich braucht man Kurts Schlosserei ja dringend für die Renovierung der vielen Schlösser und Landgüter der Gegend. Wieder einmal ein Konkurs, wie so oft.

Waren ist nett anzusehen, nur leider geht es Dieter nicht gut. Schwindel, Kreislauf. Nach einer Weile fahren wir also weiternach Süden, in Richtung Heimat. Wir telefonieren alle möglichen Campingplätze an, doch im Seengebiet ist alles ausgebucht. Auf der B103 treffen wir schließlich auf das Städtchen Kyritz "an der Knatter", das wie so viele Orte in Brandenburg eine riesige Kirche und ein prächtiges Rathaus aufzuweisen hat. Eine Ausstellung mit festen Tafeln warnt vor Fanatismus – zu Recht? Ansonsten zeigt sich Brandenburg mit riesigen Feldern und schöner Natur.

Im Örtchen Seeblick schauen wir uns einen Campingplatz an, wohl vor allem ein Platz für Dauercamper aus dem nahen Berlin. Bevor man den Platz betritt, soll man erst einmal 2 Euro zahlen - ja sind denn die verrückt geworden? Wir schauen uns um und sind nicht angetan. Ein weiterer Campingplatz, den wir anrufen, hat auch etwas frei. "Gut, dann kommen wir vorbei und schauen ihn uns an!", sage ich. "Anschauen ist nicht!“, ranzt der Betreiber mich an. "Wie bitte, wir dürfen den Platz also nicht anschauen, bevor wir ihn buchen?", frage ich zurück. "Nee, anschauen ist nicht!", blafft er zurück. Das kann ja wohl nicht wahr sein!

In Stechow-Ferchesar auf der anderen Seite des Sees gibt es aber noch einen Platz mit Namen Buntspecht; zwar nur über kilometerweite Beton-Rumpelpisten erreichbar, aber groß, mit supersauberen Sanitäranlagen und sogar mit Restaurant. Er kostet stolze 33 Euro, das Maximum in diesem Urlaub! Am Abend haben wir wieder einmal nervige Nachbarn in Form einer Familie mit vier Kindern, die laut quatschen und Musik hören. Wir fahren einfach einige Plätze weiter, da geht es.

 


Winni und Angela

- Donnerstag, 20. August 2020

Über Brandenburg an der Havel, wo ich die wunderschöne gotische Nicolaikirche bewundere, fahren wir nach Weimar zu Angela und Winni. Hier werden wir sehr herzlich empfangen und mit köstlichen Backofen-Forellen verköstigt. Ein schöner Abend mit toller Unterhaltung! Angela will evtl. zum Wandern im Oktober mitkommen.

 


Wieder daheim

- Freitag, 21. August 2020

Nach genau einem Monat sind wir wieder zu Hause in Schwarzach. Der Garten ist okay, trotz langer Hitze mit bis zu 38 Grad. Heute hat es ungefähr 35 Grad, dazu bläst ein heißer Wüstenwind. Unerträglich! Jetzt geht es ans Auspacken, Einkaufen und Wäschewaschen (12 Maschinen!). Der Alltag hat uns wieder!

 


Unser Fazit:

Das Baltikum ist sehr interessant und wunderbar.

Immer den ADAC Campingführer mitnehmen.

Ein Fahrzeug besorgen für die weiten Wege.

Das Thema Senioren-Campingplätze beobachten.

 

KONTAKT:

Gabriele Eisner-Just
Panoramastraße 8
74869 Schwarzach

Telefon: 06262 92 78 471
Mobil: 0174 - 96 00 336
   
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